Neue Wohnungen für die Schwalben

In Sistig hängen jetzt zehn Kunstnester – Mehlschwalben haben es immer schwerer, geeignetes Baumaterial zu finden

Kall-Sistig – „Den Schwalben ist Corona egal“, lacht Lothar Gerhards an diesem trüben Freitag, an dem das Corona-Virus begann, sämtliche Gesellschaftskontakte einzufrieren. In seinen Armen hält er die fünf künstlichen Doppelnester, in denen, wenn alles optimal läuft, Mehlschwalben brüten werden. Damit wird sich die Zahl der in Sistig verbauten Kunstnester auf zehn verdoppeln.

Lothar Gerhards hat fünf weitere Kunstnester für Schwalben in Sistig angebracht. Foto: Stephan Everling/pp/Agentur ProfiPress

Bereits vor drei Jahren wurden rund um den Sistiger Dorfladen Kunstnester aufgehängt. Damals noch mit Hilfe der Energie Nordeifel (Ene), die einen Kranwagen bereitstellte, um die Nester unter den Dachrinnen befestigen zu können. Diesmal ging Gerhards alleine mit der Leiter los. Der Energie-Versorger, der mittlerweile mit der E-Regio fusionierte, hat abgesagt, um Infektionen zu verhindern. Seine rund zehn Mitstreiter aus dem „Arbeitskreis Dorfökologie“ in Sistig hat Gerhards vorsichtshalber nicht von der Aktion informiert, erzählte er dem Journalisten Stephan Everling für „Kölner Stadt-Anzeiger“ und „Kölnische Rundschau“.

„Übrigens trifft jetzt die Menschheit, was viele Tierarten seit Jahren erleben“, erläutert er. So gebe es das Usutu-Virus bei den Amseln, die Krebspest bei den einheimischen Flusskrebsarten und nicht zuletzt den Pilz, der die Bestände des Feuersalamanders stark dezimiere. Doch den Sistiger Schwalben soll es wohl ergehen, das ist Gerhards’ Ansinnen.

Die Doppelnester sind eine Antwort auf die Probleme, die Schwalben beim Nestbau haben. Rund 700 Lehmkügelchen sind notwendig, um die Halbschalen zu bauen, die die Mehlschwalben an die Häuserwände hängen. Doch mittlerweile haben sich die Dörfer verändert. „Früher kam ich auf meinem Weg zur Schule an drei Misthaufen vorbei“, erzählt der in Sistig aufgewachsene Gerhards. Damals hätte es fast an jedem Haus Schwalbennester gegeben. „Unsere Nachbarin hatte allein 13 Stück“, erinnert er sich.

Damals habe es viel mehr Wasserstellen gegeben, an denen das Vieh getränkt worden sei. Dort hätten die Schwalben praktisch das ganze Jahr den richtigen Lehm finden können. Und das in Flugweite, denn, so erläutert Gerhards, wenn die Schwalben zu lange Wege in Kauf nehmen müssten, würde der Lehm einfach trocken werden. Um den Tieren wenigstens eine permanent feuchte Lehmquelle zu sichern, wässere eine Helferin regelmäßig eine Pfütze am „Bömmer“, einem ehemaligen Bergbaugebiet.

Deshalb sei auch die große Schwalbenkolonie am Sistiger Kirchplatz, die Gerhards in seiner Kindheit noch kennenlernte, mittlerweile von den Schwalben aufgegeben worden. So verlässt die Mehlschwalbe die Nähe des Menschen und wildert aus. Einzelne Vorkommen gebe es in Steinbrüchen, in denen Wasser zu finden sei, so Gerhards.

Doch mit den Kunstnestern ist es möglich, den Schwalben eine Alternative zu bieten. „Die haben den Luxus, dass sie gleich anfangen können zu balzen und zu brüten“, lacht er. Doch gerne würden die Tiere die Kunstnester nicht annehmen. „Schwalben sind sehr konservativ“, hat er lernen müssen. Ein Nest auf dunkler Klinkerwand würden sie nur schwer akzeptieren. „Die sind bei uns verputzte Wände gewohnt“, sagt er.

Er hofft, die Kolonie auf 18 bis 20 Pärchen erweitern zu können. Und dann würden sie vielleicht auch wieder ihr altes Revier am Kirchplatz zurückerobern. Doch weitere Häuser zu finden, an denen die Kunstnester angebracht werden könnten, sei schwierig. „Ein gewisser Grad an Verschmutzung muss schon in Kauf genommen werden“, sagt Gerhards etwas bedauernd.

pp/Agentur ProfiPress