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Einmischen ausdrücklich erwünscht

Jürgen Wiebicke besuchte die Lit.Eifel – Vortrag und Diskussion über seine Wanderung durch NRW, festgehalten im Buch „Zu Fuß durch ein nervöses Land“

Heimbach – Jürgen Wiebicke ist ein Mann des direkten Austauschs – und gibt das auch offen zu. „Ich bin ein radikaler Anhänger des Gesprächs“, sagt der Autor, Philosoph und Radio-Moderator während der Lit.Eifel-Veranstaltung in der Internationalen Kunstakademie Heimbach vor knapp 80 Menschen. Denn es sei ein großer Unterschied, ob Emotionalität zur Haltung wird, die man dann anonym im Internet in Hass-Beiträgen zur Schau stellt, oder ob man Emotionen in Worte fassen muss und dem Gegenüber dabei in die Augen schaut.

Innerhalb weniger Augenblicke hatte Jürgen Wiebicke das Publikum in der Kunstakademie Heimbach für sich gewonnen. Es wurde ein spannender Lit.Eifel-Abend, eine Mischung aus Lesung und Diskussion. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

Und weil Wiebicke nicht nur gerne spricht, sondern als Journalist auch neugierig ist, machte er sich im Sommer 2015 auf den Weg. Kreuz und quer ging es zu Fuß durch Nordrhein-Westfalen – von seinem Wohnort Köln über Krefeld bis zur niederländischen Grenze, am Niederrhein entlang bis nach Wesel und über Münster und das Ruhrgebiet bis nach Bielefeld und von dort zurück. Bepackt war er mit einem schweren Reiserucksack. Damit der Kopf im heißen Sommer 2015 nicht verbrennt, trug er außerdem „einen billigen Filzhut aus dem Ein-Euro-Shop“. Sein Aufzug sollte als Signal verstanden werden: „Der kommt nicht nur, der geht auch wieder.“

Erstaunlich, dass sich ihm auf dem Weg so viele Menschen öffneten. Aber das liegt auch an Wiebickes Art. Er wirkt erstaunlich ausgeglichen, geduldig und unvoreingenommen. Und so redet er im strömenden Regen in Datteln mit dem sibirischen Busfahrer Michail, der seine Angel ausgeworfen hat, obwohl er weiß, dass nichts anbeißen wird. „Doch ich kann hier am besten über das Leben nachdenken“, teilt ihm der Angler mit. Eine der zentralen Feststellungen von Wiebickes Reise stammt ebenfalls von Michail: „Heute hat kein Mensch mehr Zeit.“

Fast 80 Leute waren in die Internationale Kunstakademie in Heimbach gekommen, um dem aus dem Radio bekannten Journalisten Jürgen Wiebicke zuzuhören. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

Überhaupt: die Zeit. Nicht nur sie ist ein Luxus, sondern auch die Gegenstände, die sie anzeigen: Armbanduhren. In Essen spazierte Jürgen Wiebicke in ein Juweliergeschäft, das Uhren für 50.000 Euro im Schaufenster ausgestellt hatte, lehnte seinen Rucksack an eine Vitrine und plauderte mit der Verkäuferin, die mit ihm ein „soziologisches Seminar“ abhielt. Die wichtigste Erkenntnis: Armbanduhren sind in Zeiten von Smartphones komplett überflüssig und nur noch reine Statussymbole.

Es waren Anekdoten wie diese, aufgeführt in dem 2016 erschienen Buch „Zu Fuß durch ein nervöses Land – Auf der Suche nach dem, was uns zusammenhält“, die den Rahmen boten für die Lit.Eifel-Veranstaltung. Doch Wiebicke ist geschulter Moderator, jemand, der Denkanstöße benötigt und aufgreift, jemand, der nicht nur Sender, sondern auch Empfänger ist und deshalb bewusst am Anfang der Veranstaltung kundtat, dass Einmischen ausdrücklich erwünscht sei. Und so beantwortete er geduldig und stets ernsthaft die Einwürfe der Zuschauer: warum es keine Nachrichtensendung mit ausschließlich positiven Ereignissen gebe oder ob er, dem Buchtitel entsprechend, wirklich der Meinung ist, dass dieses Land nervös sei.

Professor Frank Günter Zehnder, Leiter der Kunstakademie, moderierte die Veranstaltung an und ab. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

Angstbesetztes Klammern

Während der Wanderung im Sommer von vor vier Jahren hat Jürgen Wiebicke natürlich auch zahlreiche Erkenntnisse gewonnen. Die wichtigste: Es hätten sich ein angstbesetztes Klammern und eine große Sorge vor Verlust bei vielen Menschen eingenistet. Für Wiebicke eine gesellschaftliche Pathologie. Und angelehnt an den Slogan „Lust auf Zukunft?“ aus einem Schaukasten der Heimbacher Sozialdemokraten, den Wiebicke auf dem Weg vom Hotel zur Kunstakademie gesehen hatte, meinte er: „Diese Lust ist vielen abhandengekommen.“

Jürgen Wiebicke kam beim Signieren seines Buchs mit vielen Zuschauern ins Gespräch. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

Doch es gibt eine Gegenbewegung. Aufgefallen ist Wiebicke nämlich auch: Viele Menschen wachen auf, viele bringen sich ein. Es ist die Macht der Einzelnen, Wenige können viel bewirken. Und es gibt sie, die Orte, die er bemerkenswert fand, dort, wo die Einsamkeit, unter der viele heute leiden, aufgebrochen wird. Etwa im Drei-Bäume-Park, bei dem eine Initiative aus wenigen Menschen aus einer Fläche, die Hunde für ihr Geschäft und Autofahrer zum Parken genutzt hatten, Dortmunds kleinste Grünanlage schuf. Denn das sei auch der Grundimpuls einer jeden Demokratie: Es geht immer noch ein bisschen besser.

Geprägt war die Wanderung durch Zufälle. Jürgen Wiebicke hat einfach alles auf sich zukommen lassen. Diese Serendipität sei der natürliche Feind des Effizienzstrebens, bekennt er. Aber alles andere habe nicht funktioniert. „Ich habe lange Zeit unnötig gedacht: Wo fange ich an?“ Und dann habe er einfach die Tür hinter sich zugezogen und sei losgelaufen. Das Leben sei ohnehin eine Aneinanderreihung von Zufällen. Und auf seiner Reise habe er sensibel für Zufälle sein müssen, um sich diesem Unbekannten zu öffnen.

Zum dritten Mal war Jürgen Wiebicke Gast bei der Lit.Eifel. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

„Ihre Wanderung war keine Mission, sondern die Erkundung anderer Menschen“, meinte Professor Frank Günter Zehnder, Leiter der Kunstakademie, der Wiebicke begrüßte und verabschiedete. Der heutigen Gesellschaft fehle die Fähigkeit, zuzuhören. Man müsse andere sprechen lassen und sie alleine durchs Zuhören würdigen, so Zehnder weiter. Oder wie es der Punker ausdrückte, mit dem Wiebicke sich längere Zeit auf seiner Reise unterhalten hatte, und dessen Aussage der Autor so gelungen findet: „Ein gutes Gespräch kann einen ganzen beschissenen Tag retten.“

pp/Agentur ProfiPress

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