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Wolf Biermann im Zentrum vom Ende der Welt

Der große deutsche Lyriker und Liedermacher erzählte im Zinkhütter Hof in Stolberg im Gespräch mit Journalist Andreas Öhler vor rund 140 Gästen aus seinem Leben – Manuel Soubeyrand las aus Biermanns Autobiografie „Warte nicht auf bessre Zeiten!“ vor

Stolberg – „Andreas, bin ich schon asozial?“ Wolf Biermann, der vielleicht wichtigste Lyriker und Liedermacher Deutschlands, sorgt sich um seine Mitstreiter, die – offenbar nicht zum ersten Mal – auf ihn warten müssen. Die Veranstaltung der Lit.Eifel im Zinkhütter Hof ist schon seit über einer Stunde vorbei, seitdem signiert der 80-Jährige geduldig seine Bücher (manchmal sogar aus Jux und Dollerei mit links in Spiegelschrift) und nimmt sich für jeden Zeit für ein kleines Schwätzchen – und bei der langen Schlange am Büchertisch dauert das dann eben ein wenig.

Schnell merkte der bis dahin eingefleischte Kommunist Wolf Biermann nach der Übersiedlung in der DDR: Die Parteibonzen haben einen Vogel. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

Einer Familie aus Bayern erzählt Biermann, dass er selbst während des Zweiten Weltkriegs in Deggendorf gelebt hat, weil er dorthin aus Hamburg evakuiert worden war. Dann zeigt der 80-Jährige ihnen eines seiner roten Tagebücher, die einst von einem Freund in der DDR verbuddelt wurden. Erst nach Öffnung der Grenzen hat er in der Gauck-Behörde erfahren, dass besagter Freund laut Akten als Spitzel für die Stasi tätig war. Biermann erzählt den Besuchern in der Schlange, was er von Hannes Wader und Franz Josef Degenhardt hält, nämlich nicht viel. Und er fragt beim Signieren nach, welchen Beruf derjenige hat, dem er gerade eine Widmung schreibt – nicht selten ist die Antwort Lehrer.

Wolf Biermann fühlte sich augenscheinlich wohl bei der Lit.Eifel in Stolberg. Denn nicht nur nach der Veranstaltung gab er sich volksnah, sondern auch schon vorher. Etwa 20 Minuten vor dem eigentlichen Start mischte er sich unter diejenigen, die an der Kasse anstanden und ein Ticket erwarben oder eines seiner Bücher, rezitierte Gedichte, erzählte Anekdoten und gab das ein oder andere Autogramm. Dass der Veranstaltungsbeginn sich dann um fünf Minuten nach hinten schob, war da Nebensache. Inoffiziell hatte sie ja bereits begonnen.

Rund 140 Zuschauer folgten Wolf Biermann im Zinkhütter Hof in Stolberg bei seiner Reise in die eigene Vergangenheit. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

Wolf Biermann war aber nicht alleine gekommen. Eingangs erwähnter Andreas hört auf den Nachnahmen Öhler und ist Journalist bei der „Zeit“, dem „Fachblatt für Zahnärzte und Lehrer“, wie Biermann frotzelte. Er war Stichwortgeber für Biermann, der dann frei aus seinem Leben berichtete. Manuel Soubeyrand las zusätzlich Passagen aus Biermanns Autobiografie „Warte nicht auf bessre Zeiten!“, die von Öhler als „Jahrhundertroman“ bezeichnet wurde, woraufhin Biermann fast die Wasserflasche aus der Hand fiel. Der 60-jährige Theaterregisseur Soubeyrand ist Sohn von Jean und Brigitte Soubeyran, die in der DDR mit Biermann liiert war, sodass der Lyriker stolz behauptet: „Manuel wurde in kürzester Zeit mein Sohn.“

Doch warum braucht jemand wie Biermann überhaupt einen Vorleser? „Weil du den Text verhunzt“, hat ihm seine Frau Pamela gesagt, „du kannst nur Gedichte lesen, aber nicht so ein dickes Buch.“ Eine kluge Entscheidung, denn wie Soubeyrand die fünf Passagen vortrug, war erstklassig. Das liegt aber auch an der Vorlage.

Stichwortgeber und Interviewpartner: Der „Zeit“-Journalist Andreas Öhler im Gespräch mit Wolf Biermann. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

Operation Gomorrha

Besonders beim zweiten Exzerpt, der Biermanns Flucht vor dem Bombenhagel der Operation Gomorrha in Hamburg beschreibt, wird das deutlich: Stakkato-artig lässt der heute 80-Jährige die Ereignisse, die sein damals sechsjähriges Ich so erschüttert haben, Revue passieren. Als Zuhörer ist man mittendrin im brennenden Hamburg, die Angst des Kindes, das zwischendurch an der Hand seiner Mutter verlorengeht und inmitten des Qualms und Feuers alleine ist, wird spürbar. Es ist wohl die ergreifendste Passage dieses Abends in Stolberg, der „Provinz“, wie Biermann es nennt und sich dann gemeinsam mit dem Publikum auf das „Zentrum am Ende der Welt“ einigt.

Wolf Biermanns Ziehsohn Manuel Soubeyrand, ein renommierter Theaterregisseur, trug Auszüge aus Biermanns Biografie „Warte nicht auf bessre Zeiten!“ vor. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

Biermann berichtet über seine Jugend in Hamburg. Die Eltern waren bekennende Kommunisten, die Mutter erzog demenentsprechend ihren Sohn, der Vater war in Auschwitz von den Nazis getötet worden. Als 16-Jähriger siedelte Wolf Biermann in die DDR über – und erkannte schnell, dass das Bild des „Sehnsuchtsortes DDR“, das er als Kommunist hatte, nichts mit dem zu tun hatte, wie die DDR wirklich war – ein Land regiert von Parteibonzen. Mit Liedern und Gedichten drückte er sich aus. „Hätte ich das nicht getan, hätten wir uns heute nicht getroffen. Ich hab‘ das also alles für euch getan“, erzählt Biermann in Stolberg.

Damit ist grob der Sinn des Buches erklärt. Biermann präzisiert ihn: „Wie gelingt es jemandem, mit dem Kinderglauben an den Kommunismus zu brechen, Verräter in bestimmten Situationen zu werden, ein Renegat, der den Mut hat, damit die Kommunisten zu brechen, in Angst, dass er damit den ermordeten Vater noch einmal umbringt.“ Dabei sei Biermann nicht bewusst auf Provokation aus gewesen, wie Andreas Öhler es formuliert. „Du warst nur jemand, der seine Ideale vertreten hat“, so der Journalist.

Die Lit.Eifel-Vorsitzende Margareta Ritter begrüßte Biermann, Öhlen, Soubeyrand und die rund 140 Zuschauer im Zinkhütter Hof. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

Zweimal an diesem Abend werden Biermann-Texte vom Band eingespielt. Das Gedicht „An die alten Genossen“, nach dessen Vortrag er in der DDR öffentlich angegriffen wurde, weil die Staatsspitze es aus Aufforderung verstand, abzutreten. Und dann die „Bilanzballade im 30. Jahr“, bei der Biermann die mit Spielzeugautos gefüllte Keksdose als Percussion-Instrument nutzte. Zum Abschluss des Abends trug der Lyriker die Aktualisierung der Ballade vor, die jetzt auf den Titel „Ballade des Dichters im 80. Jahr“. Mit tosendem Applaus wurde er verabschiedet – da konnte noch niemand ahnen, dass der Abend noch lange nicht vorbei war.

pp/Agentur ProfiPress

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