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Vom verlorenen Glück

Willi Achten las bei der Lit.Eifel-Veranstaltung in der Festhalle Abenden aus seinem neuen Werk „Die wir liebten“

Abenden – „Welches Ereignis stellte die Weichen?“, liest Willi Achten, der mehrfach preisgekrönte Autor, aus seinem neuen Buch „Die wir liebten“ unvermittelt eine Frage vor, die rekapitulieren, die nachdenken lässt. Hätten die beiden Brüder irgendwann und irgendwo wirklich anders abbiegen können? Oder ist doch niemand nur er selbst?

Autor Willi Achten (r.) las bei der Lit.Eifel aus seinem neuen Roman „Die wir liebten“. Heribert Leuchter untermalte die Lesung musikalisch. Foto: Kirsten Röder/pp/Agentur ProfiPress

Kurz vor dem Lockdown-Light, dessen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie ab dem 2. November umgesetzt werden sollen, genießen die Besucher der Lit.Eifel-Lesung in der Festhalle Abenden nochmal eine gehörige und unterhaltsame Portion Kultur mit dem im niederländischen Vaals lebenden Schriftsteller und seinem musikalischen Kompagnon und Aachener Jazz-Größe Heribert Leuchter.

Feinzeichnung der 1970er-Jahre

Achten münzt seine Ereignis-Weichen-Frage allerdings nicht auf die Bund- und Länderentscheidung, sondern auf die Familientragödie, die sich im Leben seiner Protagonisten abspielt und abzeichnet. Er lässt die Zuhörer den Alltag eines Dorfes in der westlichen Provinz in den 70er Jahren „schmecken“ und „fühlen“, feinzeichnet Szenen, die er in Bäckerei, Metzgerei, im heimeligen Zuhause, in der Kur der Mutter und auf traditionellen Festen verortet. Seine Stimme spielt sich passend sonor ein.

Heribert Leuchter zauberte den gesprochen Worten Achtens Jazztöne hinzu, die er eigens für die Textpassagen komponiert hat. Foto: Kirsten Röder/pp/Agentur ProfiPress

Es ist eine heile Welt, in der die beiden Brüder Edgar und Roman zunächst nicht und dann doch langsam erkennen müssen, dass ihre Familie zerbricht. „Ein Gefühl der Erleichterung wollte sich breit machen, doch ich traute ihr nicht“, rezitiert Achten Edgar. Der Vater geht weiter und weiter mit der Tierärztin fremd, die Mutter verfällt angesichts des Verlustes immer mehr dem Alkohol. Das Jugendamt steht schon lauernd auf der Matte. Der Sonnenuntergang in der Szenerie ein passendes Symbolwerk. Die Uhr tickt und das Glück zerrinnt zusehends. Im Fernsehen läuft „Dalli, Dalli“ mit Hans Rosenthal.

Jazztöne passend zu Textpassagen

Heribert Leuchter zaubert den Worten Achtens Jazztöne hinzu, die er eigens für die Textpassagen in „Die wir liebten“ kompositorisch zusammengefügt hatte. Mal melancholisch, mal düster, mal frohen Mutes, mal enthusiastisch (er)tönen die Stücke, fein integriert in den Spannungsbogen und die Emotionen der Handlung.

Willi Achten lässt die Zuhörer in der Festhalle Abenden den Alltag eines Dorfes in der westlichen Provinz in den 70er Jahren „schmecken“ und „fühlen“. Foto: Kirsten Röder/pp/Agentur ProfiPress

„Der Countdown hatte begonnen“, liest Achten und erhöht so die Spannung auf Mehr, auf das weitere Leben der Zwei, das sie nach der Stunde „null“ im „Gnadenhof“ einer Erziehungsanstalt verleben und wo sie im Schatten die Hölle auf Erden erfahren sollten. Sie werden sich des verlorenen Glücks immer bewusster und erkennen, „dass die Stunde geschlagen hat“. Und dann? Dann erklingt hörbare Stille. Willi Achten machte mit seiner Lesung mitten im Buch Schluss.

Im Nachgang, bevor er noch seine Bücher signiert, verrät er den Lit.Eifel-Zuhörern aber dann doch noch mehr und auch Hintergründe zum teils leicht autobiografischen Buch. Beim „Gnadenhof“ habe er sich beispielsweise von einem historischen Ort seiner Kindheit inspirieren lassen, dem Kinderheim Waldniel. „Es ist die Geschwisterliebe, die sie da durchbringt“, erläutert Achten. Durchbringt durch die dunkle, rabenschwarze Zeit des Heims.

Nach der Lesung nahm sich der mehrfach preisgekrönte Autor Zeit, seine Bücher für die Lit.Eifel-Besucher zu signieren. Foto: Kirsten Röder/pp/Agentur ProfiPress

Blick in Schriftstellerseele

Und dann lässt Achten noch einen Blick in seine Schriftstellerseele werfen: Die Zeilen des Epilogs zu schreiben, sei „das Schönste“ gewesen. „Der tröstet sehr“, berichtet er. Weil es ein kleines bisschen „Happy End“ für die geschundene Seele gibt. Edgar und Roman, die jeder für sich seiner Wege gegangen ist, kehren zurück und treffen aufeinander. Eine Wiedersehens-Szene, die „ans Herz geht“, so Achten.

Willi Achten (r.) und Heribert Leuchter fühlten sich sichtlich wohl bei der Veranstaltung der Lit.Eifel. Foto: Sabine Roggendorf/pp/Agentur ProfiPress

Der Autor dankt am Ende der Lit.Eifel-Veranstaltung dafür, dass die Lesung kurz vor dem Lockdown-Light nicht kurzfristig abgesagt wurde. Die Veranstalter hatten für ein umfassendes Hygienekonzept gesorgt und die Stühle in einem großen, über das geforderte Maß hinausgehenden Abstand aufgestellt.

pp/Agentur ProfiPress

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