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Schluss mit Gemütlichkeit!

WDR-Moderator Jürgen Wiebicke diskutierte mit Schülern am Berufskolleg Eifel – Themen waren die aktuelle politische Situation und das Demokratieverständnis in Deutschland und der Welt

Kall – Der Journalist und Philosoph Jürgen Wiebicke hat mit seinem Buch „Zehn Regeln für Demokratie-Retter“ zweifellos einen Nerv getroffen. Spätestens seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten spüren viele: Unsere liberale Demokratie ist in Gefahr. Das Gefühl der Verunsicherung ist gekoppelt mit einem Gefühl der Ohnmacht des Einzelnen, einem Gefühl „fehlender Selbstwirksamkeit“, wie Jürgen Wiebicke es nennt.

Doch wie kann verhindert werden, dass autoritäre Kräfte die Oberhand gewinnen? Wie können wir die Substanz unserer Demokratie verteidigen? Wie andere ermutigen, mitzumachen? Darüber sprach der Moderator einer philosophischen Radiosendung beim WDR jüngst in Kall mit Schülern des Berufskollegs Eifel. Wiebicke war der Einladung des Philosophiekurses unter der Leitung von Holger Tintelott gefolgt. Mit rund 250 Schülern war die Aula des Berufskollegs bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Moderation der Veranstaltung übernahmen Lea Heinz und Richard Ülpenich, zwei Schüler aus dem Wirtschaftsgymnasium am Berufskolleg Eifel.

Gemeinhin gelten Jugendliche und junge Erwachsene oft als unpolitisch und desinteressiert, wenn es um Politik geht. Doch davon war am Berufskolleg Eifel nichts zu spüren. Im Gegenteil: Die Veranstaltung zeigte deutlich, dass auch junge Menschen die Sorge um die Demokratie stark umtreibt. Wiebicke wies darauf hin, dass die Demokratie kein fertiges Konzept sei, sondern ständig weiterentwickelt werden müsse, und dass die Demokratie als Errungenschaft von uns allen zu verteidigen sei.

Jürgen Wiebicke unterhält sich angeregt mit Schülern des Berufskollegs Eifel. Foto: Holger Tintelott/pp/Agentur ProfiPress

Wählen allein reicht nicht aus

Die Demokratie funktioniere nicht als Zuschauerdemokratie, wie Wiebicke den Schülern veranschaulichte. Politik werde nicht nur von „denen“ in Berlin betrieben, sie sei nicht nur Regierungsgeschäft und Oppositionsarbeit. Demokratie sei auch keine Talkshow-Demokratie, in der Politik zu einer Form der Unterhaltung verkümmere. Insgesamt seien wir träge geworden, was unsere Mitarbeit an der Gestaltung der Demokratie angehe, erklärte der WDR-Moderator. Aber die Zeiten hätten sich geändert. Jetzt sei Schluss mit Gemütlichkeit! Passivität eröffne ungewollt Räume für die Demokratieverächter.

Die Demokratiekrise hängt für Wiebicke eng mit der Identitätsfrage zusammen. Jeder Mensch suche nach Antworten auf die Fragen: Wer bin ich? Was verbindet mich mit anderen? Was trennt mich? Jeder Mensch wolle identifiziert sein und dazugehören. Doch auf solch schwierige Fragen „blühen im Moment die einfachen Antworten und Identifikationsangebote“, sagte Wiebicke und nannte als Beispiele die AfD und Erdogan. Wiebicke fragte aber: „Brauchen wir auf solche Fragen nur eine Antwort? Ein für alle Mal?“ Er warb stattdessen dafür, die Chance zu nutzen, die verschiedenen Seiten der Persönlichkeit, die jeder Mensch habe, auch auszuleben. Das ginge am besten in der Demokratie. Sie ermögliche das friedliche Nebeneinander von Anders- und Verschiedensein. Radikale Identitätspolitik bedrohe allerdings die Demokratie.

Rund 250 Besucher lauschten in der Aula des Berufskollegs Eifel den Worten von Jürgen Wiebicke. Foto: Holger Tintelott/pp/Agentur ProfiPress

Wie man die Selbstwirksamkeit wiederentdecken kann

In seinem Buch „Zehn Regeln für Demokratie-Retter“, das viele Schüler gelesen hatten, setzt sich Wiebicke mit der Frage auseinander, wie die Demokratie wieder gestärkt werden kann. Wiebicke gestand den Schülern ein, dass er gar nicht den Anspruch erhebe, dass es nur diese zehn Regeln gebe, und auch nicht, dass diese zehn Regeln die wichtigsten seien. Ein Leser beispielsweise habe ihm zurückgemeldet, dass die einfachste Regel fehle: „Gehe wählen!“ Aber Wählen allein reiche nicht aus, rief Wiebicke den Schülern zu. Man müsse aktiv werden. Und man könne klein anfangen.

„Liebe deine Stadt!“ – So lautet die erste Regel für Demokratie-Retter. Gemeint ist damit, sich in der Umgebung zu engagieren, in der man lebt und in der man sich auskennt. Ob das nun im Verein oder in der Flüchtlingshilfe geschehe, sei nicht entscheidend, so Wiebicke, denn all das sei politisches Handeln im Sinne der Demokratie. Wer diese Regel beherzige, erhalte ein Angebot zur Identifikation, das mit den Angeboten der radikalen Vereinfacher auf dem Marktplatz der Identitäten konkurrieren könne. Außerdem bringe das Engagement Farbe ins eigene Leben. Engagierte Menschen seien zumeist auch interessanter als Menschen, die nur über Kochrezepte oder ihre eigene Karriere sprächen.

Die Erfahrung lehre: Es engagierten sich in einer Gesellschaft niemals alle und in der gleichen Intensität. Aber die wenigen, die sich engagierten, bewirkten viel. „Sie müssen sich entscheiden,“ gab Wiebicke den Schülern mit auf dem Weg und hatte die eingangs geäußerten Zweifel an der Selbstwirksamkeit im Blick: „Wollen Sie zu den vielen oder zu den wenigen gehören? Denken Sie daran: Wenige bewirken viel!“

Udo Franken/Berufskolleg Eifel/pp/Agentur ProfiPress

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