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Schalom – Frieden!

Gedenkfeier in Erinnerung an die Reichspogromnacht in Kall – Leben der Familien Levy, Nolting und Nathan Revue passieren lassen – Sabbatgang zum Synagogen-Standort

Kall – „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bleibst fern meiner Rettung, den Worten meines Schreiens?“ So beginnt Psalm 22 aus dem Psalmengebet Israels im Alten Testament. Er wurde am 80. Jahrestag der Reichspogromnacht von Wolfram Königsfeld vorgetragen. Zum Gedenken an die einst in Kall lebenden und von den Nationalsozialisten verfolgten Juden trafen sich vor dem Haus Aachener Straße 26 etwa 70 Kaller – Vertreter aus der Politik und der Verwaltung, aber auch Bürger. „Mit diesem Zuspruch habe ich nicht gerechnet“, meinte Bürgermeister Hermann-Josef Esser und war sehr erfreut.

Bürgermeister Hermann-Josef Esser legte am Synagogengedenkstein ein Blumengesteck von ihm und dem Gemeinderat nieder. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

Denn Esser sorgt sich angesichts der „politischen und gesellschaftlichen Ereignisse der letzten Jahre, dass es nicht mehr ausreicht, an Jahrestagen innezuhalten und der Opfer von Intoleranz, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu gedenken“, wie er am Gedenkstein am Standort der ehemaligen Synagoge „Im Sträßchen“ äußerte, die von einem nationalsozialistischen Mob vor 80 Jahren verwüstet worden war. Dorthin führte der Schweigemarsch der 70 Menschen, der dem Sabbatgang der Familien Levy, Nolting und Nathan nachempfunden war.

Kalls Ortsvorsteher Stefan Kupp, Bürgermeister Hermann-Josef Esser und Ratsherr Karl Vermöhlen führten den Sabbatgang zum Synagogengedenkstein an. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

An den Stolpersteinen, die der Künstler Gunter Demnig vor deren einstigen Häusern, Aachener Straße 26, 28 und 30, damals Adolf-Hitler-Straße 26, 28 und 30, verlegt hatte, trafen sich die Kaller nun. Das Schicksal der drei Familien sollte exemplarisch stehen für das Schicksal der Juden in der Reichspogromnacht.

Die Idee für diese Gedenkstunde stammt von den Fraktionen des Gemeinderates. „Wir wollen an die Kallerinnen und Kaller denken, die vor 80 Jahren miterleben mussten, dass sich nationalistischer und rassistischer Hass ungehindert austobten“, erklärte Ratsherr Karl Vermöhlen die Beweggründe dafür. „Sie mussten erleben, wie sich von ihren Mitbürgern kaum jemand für sie einsetzte oder sich gar schützend vor sie stellte“, so Vermöhlen weiter.

Die Politiker Ekkehard Fiebrich (v.r.) und Karl Vermöhlen sowie Regionalhistoriker Hubert Büth erinnerten vor dem Haus der Familie Nolting, Aachener Straße 26, an deren Schicksal. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

Der Regionalhistoriker Hubert Büth stellte anschließend das Schicksal der drei Familien vor – Schilderungen, die unter die Haut gingen. Im Haus 26 lebte das Ehepaar Karl und Hedwig Nolting mit seinen fünf Kindern Ella, Norbert, Hildegard, Ruth und Esther. Im Hinterhaus Nr. 28 wohnten Julia Levy mit ihrem Sohn Erich sowie Sofie Berg. Das Querhaus hinter den Noltings war der Wohnort von Norbert und Selma Nathan – Norbert Nathan war der Bruder von Julia Levy.

Rund 70 Kaller nahmen an der Gedenkfeier an die Opfer der Reichspogromnacht vor 80 Jahren teil. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

Karl Nolting verließ die Familie schon im Jahr 1925 – da war die jüngste Tochter Esther gerade einmal ein Jahr alt. Selbst nach Kriegsende nahm er keinen Kontakt zu seinen überlebenden Töchtern Esther und Hildegard und seinem Enkel Wilhelm auf.

Lehrer in SA-Uniform im Unterricht

Die Nolting-Kinder waren sogenannte Halbjuden, weil ihr Vater evangelischen Glaubens war. Der Lehrer von Ella Nolting an der Kaller Volksschule hätte sogar bescheinigen können, dass sie nach evangelischem Glauben erzogen wurde. Doch der Mann, der nach der Machtübernahme der Nazis in SA-Uniform zur Schule kam und die jüdischen Kinder schikanierte, weigerte sich, sodass Ella Nolting für die Nazis als „Volljüdin“ galt.

Bürgermeister Hermann-Josef Esser kam bei seiner Ansprache am Synagogengedenkstein auch auf die besorgniserregende aktuelle Situation in Deutschland zu sprechen. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

Eine völlig entkräftete Ella Nolting starb im KZ Theresienstadt, etwa zwei Wochen nach ihrer Ankunft dort, am 3. Mai 1945, nur einen Tag, nachdem Paul Dunant als Vertreter des Internationalen Komitee des Roten Kreuzes das Lager unter seinen Schutz genommen hatte.

Ihr Bruder Norbert wurde 1942 in Riga hingerichtet, weil er ein Brot für die im Lager hungernden Juden organisiert hatte und dabei aufgeflogen war. Seine Schwester Hildegard, die ebenfalls in Riga inhaftiert war, musste bei der Hinrichtung zusehen. Hildegard überlebte den Krieg und betrat nie wieder deutschen Boden. Bis zu ihrem Tod im Jahr 2013 lebte sie in Florida.

Vor dem Eingang zum Haus Aachener Straße 26 hatte der Künstler Gunter Demnig schon vor Jahren Stolpersteine für die Familien Nolting, Levy und Nathan verlegt. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

Die erst 15-jährige Esther Nolting floh 1939 nach Dänemark, als dort auch eine „Judenaktion“ anstand ging es weiter nach Schweden. In Helsingborg heiratete sie den aus Frankfurt stammenden Juden Erich Künstlicher. Sie besuchte mehrfach Kall. Die übrigen Mitglieder der Familien Levy, Nolting und Nathan wurden von den Nazis ermordet.

Rat und Bürgermeister legten am Synagogengedenkstein ein Blumengesteck nieder. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

„Entsetzen macht sich breit, wenn Deutsche lauthals skandieren, ein Antisemit sein zu müssen, wenn man sein Vaterland liebt. Das ist unerträglich!“, meinte Bürgermeister Hermann-Josef Esser in seiner Ansprache am Gedenkstein der Synagoge. Er rief alle Menschen, denen Demokratie, Weltoffenheit und eine vielfältige Gesellschaft wichtig sind, zum ständigen Kampf gegen diese negativen Tendenzen in der Gesellschaft auf und beendete die Gedenkfeier mit den Worten „Schalom – Frieden!“

pp/Agentur ProfiPress