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Polit-Urgesteine im Ruhestand

Erhard Sohn, Ekkehard Fiebrich und Peter Schmitz berichten über langjährige Ratsarbeit – Politische Keimzelle war bei allen die SPD – Schulstandortverlust als größte Niederlage

Kall – 103 Jahre Ratsarbeit in Kall haben Erhard Sohn (SPD), Peter Schmitz (CDU) und Ekkehard Fiebrich (Bündnis 90/Grüne) zusammen „auf dem Buckel“. Die Sitzung am 13. Oktober 2020 war ihre letzte in Amt und Würden. In der konstituierenden Ratssitzung am 3. November wurden sie verabschiedet. Damit enden drei politische Karrieren, die einige Parallelen (etwa Ursprünge in der SPD), aber auch Unterschiede aufweisen, wie sich im Gespräch mit dem „Rundblick Kall“ ergibt.

103 Jahre Kaller Ratserfahrung, jetzt im Ruhestand: Peter Schmitz (v.l.), Ekkehard Fiebrich und Erhard Sohn. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

Meine Herren, wie war der erste Monat „in Freiheit“?

ERHARD SOHN: Meiner war sehr entspannt. Ich habe es sehr genossen, nicht mehr unter diesem terminlichen Druck zu stehen. (Ekkehard Fiebrich nickt zustimmend) Was viele ja nicht sehen: 80 Prozent der Fraktionsvorsitzendenarbeit besteht in der Vorbereitung auf die Sitzungen und Termine. Ich war froh, am Ende in einem so guten Team zu sein, dass ich einen Teil meiner Aufgaben an Karl Vermöhlen und Emmanuel Kunz abgeben konnte.

PETER SCHMITZ: Für mich war es auch entspannend. Ich habe aber genug zu tun, denn es ist durch die ganzen politischen Termine doch einiges liegen geblieben.

EKKEHARD FIEBRICH: Für mich war dieser Monat eine absolute Entlastung. Als Fraktionsvorsitzender musste ich ja immer zu allem etwas sagen können. Das ist mit einem normalen Beruf heute eigentlich nicht mehr zu vereinbaren. Da muss man erst einmal Menschen finden, die sich das antun wollen. Für mich besonders positiv war aber auch die Tatsache, dass nichts mehr liegengeblieben ist. Ich konnte alle politischen Projekte abschließen.

Wie sind Sie eigentlich zur Politik gekommen?

FIEBRICH: Ich durch eine Juso-Arbeitsgruppe, die die ersten Open-Air-Konzerte im Sötenicher Steinbruch veranstaltet hat. Wir konnten regionale Bands, aber auch überörtliche Gruppen wie Franz K. in die Eifel holen. Aus der SPD heraus wurde dann die offene Jugendarbeit mit selbstverwalteten Jugendzentren entwickelt. Ich war dann ein Mitgründer des Arbeitskreises Jugendzentrum Kall. Gegen den Widerstand seitens der Verwaltung entstand in einem leerstehenden Ladenlokal an der Kölner Straße, dem ehemaligen Wollstübchen, der Jugendtreff „Teepott“. Mein politisches Grundgerüst im sozialen Bereich hat mir die SPD mitgegeben. Willy Brandt und Egon Bahr waren meine Vorbilder.

SCHMITZ: Bei mir kam es durch die Familie. Meine Familie stammt aus Wachendorf, mein Onkel war SPD-Mann in Satzvey. Auf Festen wurde nicht nur Skat gedroschen, es ging auch um Politik. Ich habe mich dann immer gefragt: Was machen die da? Ich bin dann in die Politik gegangen, weil sich das auch mit meinem Beruf bei der Bundeswehr vereinbaren ließ, ich war zunächst Zeitsoldat, zuletzt als Zivilist beschäftigt. Kreistagssitzungen begannen früher schon um 11 Uhr, Ratssitzungen in Kall um 15 Uhr.

SOHN: Ich bin als Willy-Brandt-Anhänger 1969 in die SPD eingetreten. Ich leitete unter anderem den Vorstand der Jusos in meinem früheren Wohnort in Gemünd. Das war zu einer Zeit, als es eigentlich undenkbar war, dass Nicht-Konservative in einer Verwaltung tätig waren. Im Finanzamt Schleiden, in dem ich damals tätig war, hat meine politische Tätigkeit aber nie zu einem Nachteil geführt.

Was waren die größten Enttäuschungen innerhalt Ihrer Ratszeit?

SOHN: Bei mir ist es die Entwicklung des Schulstandortes Kall. Dass es keine Lösung mit Schleiden und Hellenthal gegeben hat, lag für mich auch an den damaligen Verwaltungsbemühungen in diesen drei Kommunen. Denn der Wille des Kaller Rates war ein anderer.

SCHMITZ: Das Nichtzustandekommen der Gesamtschule ist auch eine der Enttäuschungen bei mir. Das wurde letztlich auf dem Rücken der Kinder ausgetragen. In meinen Augen hat die Verwaltung damals genug getan. Die Bevölkerung hat die Situation aber nicht erkannt und schickte Kinder nach Blankenheim. Eine weitere Enttäuschung war die Schließung des Kindergartens Rinnen, um das Kibiz umzusetzen. Dabei war schon damals erkennbar, dass es zukünftig auch eine U3- und eine heilpädagogische Betreuung nötig wurden. Keine sieben Jahre später wuchs die Zahl der benötigten Kindergartenplätze explosionsartig an, und es gab zu wenig freie Kapazitäten. Das Dilemma hält bis heute an. Dass wir im Kreis an letzter Stelle stehen hat mir in der Seele wehgetan.

FIEBRICH: Dass wir das Rennen um den Schulstandort verloren haben, war auch für mich die größte politische Niederlage. Schleiden hatte sich plötzlich umentschieden.

Und worauf sind Sie in Ihrer politischen Laufbahn stolz?

SOHN: Dass wir damals den Flächennutzungsplan 2004-2016 angegangen sind und durchgeboxt haben, wenngleich der mittlerweile auch wieder überarbeitungswürdig ist, da utopische Wohnflächen in einigen Dörfern vorhanden sind. Aber durch den Flächennutzungsplan haben wir die Entwicklung von Kall maßgeblich mitbeeinflusst und Platz für Handel, Gewerbe und Kindergärten ermöglicht. Aber auch die Entwicklung der Außenorte war mir immer wichtig.

SCHMITZ: Bei mir ist es der Bau der Bürgerhalle Rinnen. Das war das zweite Bürgerhaus im Kaller Gemeindegebiet. Wir haben im Ort zwischen 10.000 und 12.000 D-Mark gesammelt. Die Dorfbevölkerung stand die ganze Zeit hinter dem Projekt. Ermöglicht wurde es dann durch einen ehemaligen Schulpavillon aus Steinfeld, der als Grundlage dient.

FIEBRICH: Besonders positiv ist der Neuanfang der Jugendarbeit im Jahr 2010 mit dem „Schülercafé“ in der Alten Grundschule Kall. Der vorherige Standort in der Hauptschule hatte mehr den Charakter einer erweiterten Schulveranstaltung. Die Uni Koblenz als externer Ratgeber hatte uns bei der Konzeption maßgeblich unterstützt. Die Finanzierung der offenen Jugendarbeit steht aber immer noch alle fünf Jahre auf dem Prüfstand. Stolz bin ich auch darauf, dass wir in Kall zusammenstehen gegen rechte Aktivitäten im ländlichen Raum. 2012 ist es uns gelungen, Michael Klarmann nach Kall zu holen. Wir waren die erste Kommune, die dem Bündnis gegen rechts beigetreten ist und haben als eine der ersten Kommunen die Euskirchener Erklärung unterschrieben. Hinzukommen die neue Müllsatzung, die Einführung der Ehrenamtskarte gemeinsam mit der CDU, die Öffnung des Hallenbads in den Ferien und der bald startende Waldkindergarten.

Wie hat sich die politische Arbeit in Kall verändert?

SCHMITZ: Ich erinnere mich an ein einschneidendes Erlebnis: Ich war relativ neu im Rat und bei einer Abstimmung setzte sich Karl Becker von der FDP zurück und verzichtete auf seine Stimme. Er hatte erkannt, dass bei der CDU Mitglieder fehlten und dadurch das Mehrheitsverhältnis verändert war. Das hat mich beeindruckt.

SOHN: Fair-Play durch Enthaltung, daran kann ich mich auch erinnern. Später war die politische Stimmung eine andere. Dass heute fraktionsübergreifend Anträge gestellt werden, wäre vor 20 Jahren undenkbar gewesen. Besonders stolz bin ich darauf, dass zum Ende meiner Laufbahn die SPD bei der letzten Wahl als stärkste Partei hervorgegangen ist.

FIEBRICH: Ich war bis auf die letzte Legislaturperiode immer in der Opposition. Politisch geprägt wurde ich von Rot und Grün, eine Zusammenarbeit mit Schwarz ging für mich gar nicht. Aber dann hat die CDU einige unserer Anträge unterstützt, was der Beginn der Zusammenarbeit war. Das hat bei mir den politischen und emotionalen Horizont erweitert. Toni Mießeler als CDU-Fraktionsvorsitzender ist uns immer auf Augenhöhe begegnet.

SOHN: Ich finde ja, dass auf kommunaler Ebene Parteipolitik keine so große Rolle spielt wie die Sachpolitik. Früher wurden gute SPD-Anträge abgelehnt, weil sie von der falschen Partei kamen. Ich erinnere mich zum Beispiel noch daran, dass unser Antrag, eine Toilette an der Grillhütte „Auf dem Fels“ zu errichten, abgelehnt wurde. Als die CDU den Antrag später stellte, ging er durch. Wir hatten auch bereits vor zehn Jahren beantragt, den Sportplatz an der Auelstraße mit seiner maroden Aschenbahn durch einen Kunstrasenplatz zu ersetzen, das wurde aber mehrheitlich abgelehnt. Heute hätte man gerne einen Kunstrasenplatz in Kall.

SCHMITZ: Ich erinnere mich noch an Zeiten, als die Fraktionsvorsitzenden noch gemeinsam über Maßnahmen gesprochen haben – und an die, als niemand mehr miteinander sprach. Heute hat sich das politische Miteinander stark verbessert. Dadurch hat Kall viel erreicht.

Zum Abschluss: Wie sieht Ihre Zukunft aus?

SOHN: Ich möchte mich einfach mal anderen Dingen widmen. Etwa der Malerei.

FIEBRICH: Ich werde zu meinem Sohn an die Ahr ziehen, der dort ein Weingut hat. Außerdem werde ich ehrenamtlich arbeiten, etwa bei der Tafel.

SCHMITZ: Ich habe Haus und Hof mit zwei Gewächshäusern, da gibt es immer etwas zu tun. Und ich will mich der Kocherei widmen.

Meine Herren, wir freuen uns also auf einer Kunstausstellung von Erhard Sohn, zu der Ekkehard Fiebrich den Wein und Peter Schmitz das Essen mitbringt. Ich bedanke mich für das Gespräch.

Das Interview führte Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress.

Neben den drei Interviewpartnern waren bei der konstituierenden Ratssitzung Anfang November noch weitere Ratsmitglieder verabschiedet. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

Zu den Personen:

ERHARD SOHN (76, aus Scheven) war von 1975 an durchgehend im Kaller Rat und zuvor schon drei Jahre im Schleidener Rat aktiv. Von 1994 bis 1999 war er zweiter stellvertretender Bürgermeister der Gemeinde Kall. Die SPD-Fraktion leitete er von 1989 an.

EKKEHARD FIEBRICH (72, aus Sistig) trat 1970 in die SPD ein und saß von 1975 bis 1979 für die Genossen im Kaller Rat. Anfang der 90er-Jahre wechselte er zum Bündnis 90/Die Grünen, für die er seit 2002 im Rat tätig war, davon seit 2007 als Fraktionschef.

PETER SCHMITZ (68, aus Rinnen) ist Anfang der 1970er-Jahre in die CDU eingetreten. Im Rat war er von 1984 an. In den Jahren 2009 bis 2014 war er erster stellvertretender Bürgermeister.

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