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Mehr als Schwarz oder Weiß

Schauspielerin Julia Jessen spricht bei Lit.Eifel-Lesung über ein großes Tabu in der Gesellschaft – Fremdgehen ist für sie weit mehr als nur eine Frage der Schuld – Und: Wieviel Raum hat der Mensch für eine Krise?

Euskirchen – Yvonne geht fremd – mit einem Jüngeren. Es ist eine Tat, die das Leben der Ehefrau und Mutter, ihrer Familie wie auch ihres Freundeskreises durcheinander rüttelt. Vordergründig, aus Sicht der Gesellschaft, gibt es nur eine Schuldige. Doch die Geschichte von Julia Jessen hat eine andere, viel tiefere Dimension. Darüber plaudert sie mit den Lesern bei der Lit.Eifel-Lesung im Euskirchener Kulturhof.

„Es geht nicht um diesen jüngeren Mann oder den Sex, den sie mit ihm auf der Toilette hatte, sondern um den Schritt, den sie macht“, sagt Jessen und greift bei der Lesung vor allem solche Szenen aus ihrem Buch „Die Architektur des Knotens“ heraus, die die Zerrissenheit, Widersprüchlichkeit und Ratlosigkeit der Protagonistin greifbar und nachvollziehbar macht.

Julia Jessen greift in der Lit.Eifel-Lesung im Euskirchener Kulturhof ein Tabu der Gesellschaft auf. Foto: Kirsten Röder/pp/Agentur ProfiPress

Mittlerweile sei es ja schon Trend, ab einer bestimmten Anzahl der Jahre, das Leben zu hinterfragen, sich zu trennen oder selbst zu verwirklichen, wirft eine Zuhörerin ein. Nach dem Motto: „Schon wieder eine die ausbrechen will“.

Und tatsächlich verlässt die Protagonistin der Autorin die Familie, den Mann, ihre beiden kleinen Kinder. Niemand versteht das, noch nicht mal Yvonne selbst. Doch das genau sei der Punkt, sagt Jessen: „Sie will ja eigentlich gar nicht weg gehen. Sie will sogar mehr Nähe, das ist das, was häufig übersehen wird. Yvonne will eine andere Qualität von Nähe mit Jonas, ihrem Mann.“

Im Gespräch mit dem Publikum verrät die Autorin, dass ihr das Buch viel abverlangt hat. Immer wieder wäre sie an den Anfang zurückgekehrt, weil sie den Fragen rund um Fremdgängerin Yvonne live nachgehen wollte. Foto: Kirsten Röder/pp/Agentur ProfiPress

Das Problem lasse nicht bei weitem nicht einfach auf „Schwarz oder Weiß“ reduzieren. Vielmehr sei eine entscheidende Frage: „Wieviel Raum habe ich als Mensch, als Frau und als Mutter, eine Krise zu haben und Fragen zu stellen?“

Das Buch habe ihr extrem viel abverlangt, gesteht die Schauspielerin, die auch schon im „Tatort“ mitspielte. Immer wieder habe sie von vorne angefangen, Dinge umgeschrieben, weil sie während des Schreibprozesses Situationen erlebte, die ihre Sicht auf die Welt und das Thema geändert habe. Küchenpsychologisch sei ihr im Nachhinein klar, warum: „Weil ich den Fragen, die sich Yvonne stellte, live hinterher bin.“

„Warum fragen wir immer nach dem Schuldigen?“, prangert Julia Jessen an. Vielleicht laste und bürde man der Liebe auch viel zu viel auf. Foto: Kirsten Röder/pp/Agentur ProfiPress

Das Thema sei ein Tabu in der Gesellschaft, ist sie sicher. Kam sie unter Freunden, Fremden und mit Vätern oder Müttern darauf zu sprechen, habe sie gedämpfte Stimmen, herumdrucksen, Ängste oder auch echauffierte Stimmen zur Antwort bekommen. Nach zweieinhalb Jahren Arbeit kann sie festhalten: „Ich habe niemanden erlebt, der dazu nichts zu sagen hatte“.

Trotzdem würden die Menschen konsequent wegschauen. Umso mehr habe sie es fasziniert.

„Es ist doch auch so sichtbar in der Gesellschaft“, sagt sie. Ehen zerbrechen, die Midlife Crisis wird mit einer Jüngeren oder dem neuen Motorrad ausgelebt, der Selbstverwirklichungstrip wird aufgenommen. Die Sehnsucht müsse doch einen Grund haben.

Die Autorin nahm sich viel Zeit, um mit den Zuhörern der Lesung im Kulturhof Euskirchen ins Gespräch zu kommen. Foto: Kirsten Röder/pp/Agentur ProfiPress

„Wir haben schon eine krasse Rollenverteilung. In keinem Theater ist das so krass“, so Jessen weiter. Falle man aus der festgelegten Rolle, reagiere meist der Freundeskreis als Seismograph: „Ich weiß nicht, Du bist so streng in letzter Zeit…“

Auf Lesungen sei sie sogar schon auf wütende Menschen getroffen, die anprangerten, dass sie Yvonne nicht brandmarke.

Doch das ist nicht Jessens Absicht: „Warum fragen wir immer nach dem Schuldigen? Was ist denn, wenn Jahre, Zeit, Abläufe und eine bestimmte Routine etwas mit dem Menschen macht?“ Vielleicht laste und bürde man der Liebe auch viel zu viel auf.

Menschen brauchten in ihrem Leben Phasen der Entwicklung. „Wir leben in einer sehr unpoetischen Zeit und in einer sehr unpoetischen Umwelt. Ich glaube, dass es Menschen nicht guttut.“

pp/Agentur ProfiPress

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