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Gewerbe und Freizeit statt Kunst und Kultur

Die ehemalige Steinzeugfabrik Custodis hat sich in den vergangenen 25 Jahren erheblich gewandelt – Objekt komplett vermietet – Neuester Coup ist das Unternehmen HoDforming

Mechernich-Firmenich – Vor 25 Jahren hatte der Unternehmer Johann Josef Wolf († 69) eine Vision. Nach dem Ende der Produktion in der Steinzeugfabrik Custodis in Firmenich entschied er sich dafür, das Industriegebäude in eine Kunst- und Kulturfabrik zu verwandeln. Künstler fanden in der Zikkurat eine Heimat. Aber es kamen über die Jahre auch Freizeitangebote wie eine Diskothek, ein Bowling-Center und ein Sportstudio hinzu.

Freuen sich auf eine gute Zusammenarbeit: Dr. Peter Amborn, HoDforming-CEO Dr. Peter Amborn (M.), Hendrik Köster (l.) vom Cluster NMWP.NRW sowie Zikkurat-Betreiber Niklas Wolf. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

Seit dem Tode Wolfs vor vier Jahren ist sein Sohn Niklas einer der Betreiber. Der 35-Jährige nahm inhaltliche Änderungen vor – sowohl was das Gebäude angeht, als auch die Ausrichtung der Mieter. Aus großen Gewerbeflächen wurden teils kleinere Büroflächen. Das neue Konzept schlug an. Erstmals seit dem Ende der Steinzeugproduktion ist die komplette Fläche der Zikkurat vermietet. Doch natürlich gibt es auch immer Anfragen für größere Räumlichkeiten.

HoDforming als neuer Mieter

Neuester Coup ist die Ansiedlung des Unternehmens „HoDforming“. Firmenchef Dr. Peter Amborn hat Technologie und Werkzeuge entwickelt, um hochfeste Metalle bei ihrer Lösungsglühtemperatur zu formen. „30 Prozent leichter zum gleichen Preis“ seien die Metallprodukte, die vornehmlich in der Automobilindustrie eingesetzt werden können. Amborn spricht von einer „Revolution zur Herstellung metallischer Bauteile“. Das Verfahren beschreibt der Firmengründer so: „Wir machen das, was der Glasbläser macht, mit Metall wie beispielsweise extremst hochfestem Aluminium.“ Momentan arbeitet HoDforming an einem nordrhein-westfälischen Innovationsprojekt unter anderem mit Ford und HYDRO zusammen.

HoDforming kann in Massenproduktion Bauteile aus metallischen Blechen und Rohren herstellen, wie es „weltweit in Form, Qualität und Festigkeit niemand kann“, so Amborn – und dank seiner Patente wohl auch in den nächsten 20 Jahren niemand wird. Der Ingenieur ist in der Automobilindustrie großgeworden und hat 1996 mit der Entwicklung von Patenten zur Heißumformung von Metall begonnen, bevor er sich 2001 erstmals selbstständig machte.

1994 endete in Firmenich die Steinzeugproduktion. Seitdem hat sich die Zikkurat von der Kunst- und Kulturfabrik zur Gewerbe- und Freizeitfabrik gewandelt. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Derzeit bezieht HoDforming ein Technikum auf der Rückseite der Zikkurat, direkter Nachbar ist Metallbau Prinz. „Nebenan ist die harte Realität, hier das Vergnügen“, scherzt Amborn. In Firmenich entsteht ein Bindeglied zwischen Forschung und Massenproduktion, die dann bei den Kunden stattfinden soll. „Wir treten als Technologieentwickler und Lizenzgeber auf“, so Amborn. Ab Oktober soll produziert werden, wenn alles glatt geht.

„Der Hype der Kunststoffe wie Carbon ist vorbei“, meint Peter Amborn. Mit den Werkzeugen von HoDforming können Metallprodukte geschaffen werden, die so leicht wie Kunststoffe sind und deshalb auch für Unternehmen aus den Branchen Automobilität, Luftfahrt, Design, Energie und Interior interessant sind. Sein Verfahren sei klimafreundlicher als die Herstellung von Kunststoffen, weil weniger CO2 ausgestoßen wird und die Bauteile besser zu recyceln sind als zum Beispiel Verbundwerkstoffe wie Carbon. Zudem entstehen neue Arbeitsplätze in NRW, was nicht nur im Kontext des Braunkohleausstiegs positiv ist. Unterstützt wird HoDforming vom Cluster NanoMikroWerkstoffePhotonik.NRW, kurz NMWP.NRW, welcher das Start-up-Unternehmen begleitet.

Auch Platz für kleinere Mieter

Niklas Wolf ist vom Erfolg des Unternehmens überzeugt und freut sich auf eine lange Zusammenarbeit. In den vergangenen Jahren hat er dafür gesorgt, dass auch kleine Mieter in der Zikkurat glücklich werden, dabei ist ein bunter Mix querbeet durch alle Gewerbe entstanden. So finden sich beispielsweise im ersten Stockwerk in einem Flur eine Tätowiererin, ein Versicherungsmakler, eine Kinder-Psychologin und ein Kunstprojekt in trauter Viersamkeit Tür an Tür wieder. „Aus einem großen Raum wurden hier mehrere kleine gemacht“, beschreibt er es. Direkt darüber sind auf der einen Seite ein Sportstudio mit Soccer-Court, gegenüber unter anderem der Deutschlandsitz des Instituts für Trauma und Pädagogik.

Im Laufe der 2,5 Jahrzehnte waren auch etliche Prominente zu Gast in der Zikkurat: Hier besuchte Reiner Calmund die Mini-WM 2006 auf dem Soccercourt. Im Hintergrund, mit Sonnenbrille, der 2015 verstorbene Zikkurat-Betreiber Johann Josef Wolf. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Zwischen 25 Quadratmeter für Klein-Gewerbe bis hin zu Großmietern wie Hudora, die Mitte September auf rund 3000 Quadratmetern den Indoor-Action-Park Hugodrom errichten, befindet sich in der Zikkurat ein bunt gemischter Mieterstamm. Weitere Großmieter sind die Bowl-Fabrik, die Spiel-Oase und das schon erwähnte Sportstudio. Neu hinzu kommen in Kürze die Allfinanz Deutsche Vermögensberatungsdirektion von Enrico Misota, die ihren Sitz von Mechernich nach Firmenich verlagert, und ein Brautmoden-Studio. Schon längst ist die Zikkurat keine Kunst- und Kulturfabrik mehr. Für Niklas Wolf ist sie vielmehr eine Gewerbe- und Freizeitfabrik. Eine, die nach anfänglichen Schwierigkeiten zum echten Erfolgsmodell geworden ist.

pp/Agentur ProfiPress

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