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Eine bunte Tüte voll Geist und Witz

Miss „Tagesschau“ Linda Zervakis brilliert beim Eifel-Literatur-Festival mit ihrer Autobiografie

Daun – Beste Unterhaltung und viel zu lachen gab es für 540 Gäste des Eifel-Literatur-Festivals im ausverkauften Forum Daun. Star der 20. Lesung im diesjährigen Festivalreigen war Tagesschau-Sprecherin Linda Zervakis mit ihrer Autobiografie „Königin der bunten Tüte“. Darin beschreibt die Tochter griechischer Einwanderer ihre Kindheit und Jugend im von der Familie geführten Kiosk in Hamburg-Harburg.

Miss „Tagesschau“ Linda Zervakis brillierte beim Eifel-Literatur-Festival mit ihrer Autobiografie. Zervakis´ Eltern waren Mitte der 1960er Jahre als „Gastarbeiter“ nach Deutschland gekommen, drei Kinder großgezogen, von denen es Linda zu einer öffentlich wahrgenommenen „Vorzeige“-Karriere als erste Tagesschausprecherin mit Migrationshintergrund brachte. Foto: Harald Tittel/Eifel-Literatur-Festival/pp/Agentur ProfiPress

Linda Zervakis sorgt an diesem Abend in Daun für Aha-Erlebnisse. Als sie den Saal durchquert, um auf die Bühne zu kommen, geht ein Raunen durch die Menge. Denn da zeigt sich eine lässig, modisch gekleidete, lockere und charmant lächelnde junge Frau, die so ganz anders wirkt, als die etwas förmliche, kontrollierte und auf ihre Funktion konzentrierte Nachrichtensprecherin vom Fernsehbildschirm. Ihr Auftritt beginnt um zwanzig Uhr, und da kann sie es sich aus beruflicher Gewohnheit nicht verkneifen, das Publikum mit: „Guten Abend, meine Damen und Herren“, zu begrüßen. Doch auch das klingt anders, als im TV, denn Zervakis gibt offen zu, sie habe Lampenfieber.

Aufregend, 500 Menschen gegenüber zu sitzen

Zwar spreche sie in der ARD-Tagesschau zu einem Millionenpublikum, das aber sei für sie nicht sichtbar. Sie stehe alleine vor der Kamera und einer Glaswand, die sie sogar von den Kollegen abschirme. Deshalb sei es aufregend für sie, nun 500 Menschen gegenüberzusitzen. Diese Hürde überwindet sie kraft ihrer Professionalität jedoch genauso schnell, wie sie es schafft, das Publikum für sich einzunehmen. In lockerem Plauderton erzählt sie, dass ihr Buch „Königin der bunten Tüte“ nicht aus persönlicher Eitelkeit sondern durch den Anstoß einer Verlags-Lektorin entstanden ist, die ihre Geschichte vor dem Hintergrund der aktuellen Migrationsdebatte interessant fand.

Erste Tagesschausprecherin mit Migrationshintergrund

Zervakis´ Eltern waren Mitte der 1960er Jahre als „Gastarbeiter“ nach Deutschland gekommen, hatten sich allen Hindernissen zum Trotz eine Existenz aufgebaut und drei Kinder großgezogen, von denen es Linda zu einer öffentlich wahrgenommenen „Vorzeige“-Karriere als erste Tagesschausprecherin mit Migrationshintergrund brachte. Das Thema Zuwanderung will sie an diesem Abend nicht vertiefen. Nur zwei Dinge will sie dazu loswerden, einen Dank an die deutsche Gesellschaft, die ihre Eltern aufgenommen hat, und eine Erklärung, warum deren Integration geglückt ist: „Sie haben versucht, nicht besonders aufzufallen“.

Zwar spreche sie in der ARD-Tagesschau zu einem Millionenpublikum, das aber sei für sie nicht sichtbar. Sie stehe alleine vor der Kamera und einer Glaswand, die sie sogar von den Kollegen abschirme. Deshalb sei es aufregend für sie, nun 500 Menschen gegenüberzusitzen, verriet Linda Zervakis dem Publikum in Daun. Foto: Harald Tittel/Eifel-Literatur-Festival/pp/Agentur ProfiPress

Wie letzteres von statten ging, führt Linda Zervakis Ihren Zuhörerinnen und Zuhörern anschließend mit Auszügen ihres Buches vor Augen, und zwar so, dass diese nicht trocken bleiben. Wenn sie beschreibt, wie ihre Eltern, dem Immigrationsdreiklang Koffer – Knoblauch – Kühlschrank unterworfen, in Deutschland ankamen, um den hiesigen grauen Nieselregen-Sommer als Ausblick auf die griechische Unterwelt Hades zu erleben, werden Tränen gelacht. Ebenso, wenn sie detailreich beschreibt, wie eine buchstäbliche Schnapsidee in die familiäre Übernahme des Kiosks mündete, zu dessen Verkaufsschlagern Schnaps gehörte.

Setzt sich auch mal Wäscheklammer auf die Nase

Linda Zervakis liefert brillant formulierten, anregend erzählten, ironisch zugespitzten Kultur-Clash, der hier und da mit Klischees spielt. Aha-Erlebnis dabei ist nicht nur die Lektüre selbst, sondern auch das komödiantische Talent, das die Autorin entfaltet. Sie imitiert die Stimmen und Aussprache ihrer griechischen Verwandtschaft oder parodiert Leute, die ihr im Kiosk begegnet sind. Dann setzt sie sich auch mal eine Wäscheklammer auf die Nase, wie sie es als Kind getan hat, wenn die Duftnote eines besonders „anrüchigen“ Kunden, des „Stinkers“, durch den Kiosk waberte. Sind es einerseits die Charakterisierungen der Typen aus dem „Backstage-Bereich der Gesellschaft“, die immer wieder für Erheiterung und Applaus sorgen, sind es andererseits auch die Verweise auf das jeweilige Zeitkolorit.

Palomino-Pferdchen und Erasco-Feuertopf

Linda Zervakis erzählt von Haarschnitten á la Mireille Mathieu, von Palomino-Pferdchen, Ernte 23, Erasco-Feurtopf oder Corned Beef aus der Dose. Daran knüpfen viele Gäste eigene Erinnerungen. Insofern baut Linda Zervakis eine Brücke zu ihrer eigenen Geschichte und sorgt für weitere Aha-Erlebnisse. Folgerichtig endet der Abend mit einem begeisterten Echo, brandendem Applaus und einem Ansturm auf Bücher- und Signiertisch.

pp/Agentur ProfiPress

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