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„Du bist wunderbar, Mensch!“

Mechernicher Firmlinge beschäftigten sich in Vogelsang mit dem kruden Welt- und Menschenbild der Nationalsozialisten und setzten ihm christliche Ideale entgegen

Mechernich/Vogelsang – „Ich bin wunderbar so, wie Gott mich gemacht hat“: Die Quintessenz des Tages auf Vogelsang für Firmlinge aus der GdG St. Barbara Mechernich kam ausgerechnet in einem Lied von Lady Gaga zum Ausdruck. Jeder Mensch ist mit all seinen Macken und Fehlern, Unzulänglichkeiten und Handicaps von Gott geliebt. Und jeder ist auf seine Weise gut, schön und wertvoll.

Seit einigen Jahren besuchen junge Christen aus der GdG St. Barbara Mechernich regelmäßig die „Kirche im Nationalpark“ in Vogelsang und beschäftigen sich dort mit dem Kontrast ihres eigenen christlichen Menschenbild zu den kruden Welt- und Herrenmenschen-Untermenschen-Vorstellungen der Nationalsozialisten. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Diese Sichtweise entspricht dem christlichen Menschenbild. Damit und mit der brutalen Herrenmenschen-Untermenschen-Vorstellung der Nazis konfrontierten Nationalpark-Seelsorger Georg Toporowsky und der pensionierte Aachener Berufsschul- und Religionslehrer Walter Malmes am Samstag 30 bald erwachsene Jugendliche und vier Katecheten vom Mechernicher Bleiberg.

Seit einigen Jahren gehört die Auseinandersetzung zwischen Toleranz und Akzeptanz auf der einen und Ausgrenzung, Misshandlung und Massenmord auf der anderen Seite zum festen Vorbereitungsprogramm Mechernicher Firmlinge. Es gibt kaum einen geeigneteren Ort für diese Auseinandersetzung als die frühere NS-Ordensburg Vogelsang, wo die kollektiv aus der Kirche ausgetretene Parteielite in Rassenkunde, Erbarmungslosigkeit und rücksichtsloser Gewaltanwendung im Boxunterricht gedrillt wurde.

Sklavenhalter ausgebildet

„Hier wurden keine Offiziere und Soldaten ausgebildet, sondern Politiker, die die besetzten Gebiete unterjochen und lenken sollten“, so Walter Malmes. Manche Vogelsang-Schüler taten sich als gewissenhafte deutsche Verwalter im Osten bei der Deportation und Ermordung Zehntausender Menschen hervor.

Der pensionierte Berufsschul- und Religionslehrer Walter Malmes erzählte sehr viel aus seinem Leben und dem seines jüdischen Freundes Helmut Claßen, den eine große Zahl von Menschen im Dreiländereck während des Zweiten Weltkriegs als Kind versteckt hatten und ihm das Leben retteten. „Das waren nicht alles politisch überzeugte Widerstandskämpfer, sondern einfache Leute, die sich gesagt haben: Wie kann ein Kind mein Feind sein? Jetzt ist aber Schluss!“ Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

In Vogelsang und den drei anderen an den Ecken des Dritten Reiches geplanten Ordensburgen sollten Junker als Statthalter eines sklavenhaltenden Regimes herangebildet werden, die nicht mit übermäßiger Intelligenz, aber Vasallentreue und unbarmherziger Brutalität ausgestattet werden sollten.

Die Nationalpark-Seelsorger Georg Toporowsky und Walter Malmes führten die 34 Mechernicher in zwei Gruppen durch die nationalsozialistische Schulungshochburg. „Was hat das hier eigentlich mit Firmung zu tun?“, fragte Georg Toporowsky die Jugendlichen aus Mechernich und Umgebung: „Ihr werdet erwachsen und wollt Euer Leben christlich gestalten – die dafür erforderliche Grundhaltung muss man sich aneignen und einüben“.

Die Nationalpark-Seelsorger Georg Toporowsky (r.) und Walter Malmes führten die 34 Mechernicher in zwei Gruppen durch die nationalsozialistische Schulungshochburg, wo vor allem Rassenideologie, „hart“ machende Sportarten und Geographie gelehrt wurde. Letzteres vor allem unter dem Aspekt des Beschaffens und Ausbeutens von Rohstoffen und Bodenschätzen. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

„Kirche im Nationalpark“ in Vogelsang sei ein Ort, wo man christliche Lebenshaltung einstudieren könne. Bei den Ordensjunkern des Dritten Reiches sei es genau umgekehrt gewesen: Sie hätten in Vogelsang eine gewissenlose und gewalttätige, unmoralische und gottlose Lebensweise angenommen und trainiert.

230 Kirchenaustritte an einem Tag

Die Junker in Vogelsang bekamen das Recht des Stärkeren eingehämmert, so Toporowsky und Malmes – Mitleid zu zeigen galt als unverzeihlich und schwach: „Wer nicht in der Lage war, im Boxunterricht auf Vogelsang einen hoffnungslos unterlegenen Gegner zu vermöbeln, musste nach Hause fahren.“

„Und die Junker mussten aus der Kirche austreten“, so Walter Malmes: „An einem Tag haben mal 230 auf einmal beim evangelischen Pfarrer von Gemünd ihren Austritt erklärt.“ Dabei habe der Nationalsozialismus selbst religiöse Formen angenommen, wie sie auch auf Vogelsang zelebriert wurden.

30 junge Christen, die am Sonntag, 21. Februar 2021, 10.45 Uhr von dem Aachener Weihbischof Karl Borsch gefirmt werden sollen, reisten jetzt mit einem Reisebus des Mechernicher Traditionsunternehmens „Schäfer-Reisen“ vor der einstigen belgischen Van-Doren-Kaserne in Vogelsang an. Gemeinsam mit den Katechetinnen Agnes Peters, Stefanie Groeb und Judith Zeyen, dem Lehrer Walter Malmes, dem Diakon Manni Lang und dem Pastoralreferenten Georg Toporowsky machten sie sich eine Vorstellung vom verworrenen Weltverständnis der Nazis. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Adolf Hitler und Konsorten schufen im vermeintlich christlichen Abendland verkehrte Welten. Elemente ihrer kruden Vorstellungen haben sich bis heute gehalten. Die Nazis wollten gleichschalten, gleichmachen, sich die Menschen als Eigentum zu eigen machen.

Im Ambiente der Ordensburg lehrte man junge Männer zudem, nach Einheitsschablone zu bestimmen, wer zu den „Herrenmenschen“ und wer zu den „Untermenschen“ gehört, wer als „Volksschädling“ umgebracht und wessen „unwertes“ Leben wegen einer Behinderung ausgelöscht werden sollte.

Walter Malmes und der aus Mechernich mit den Firmlingen und den Katechetinnen Agnes Peters, Stefanie Groeb und Judith Zeyen  angereiste Diakon Manfred Lang erinnerten in dem Zusammenhang auch an die Ermordung 480 psychisch kranker Erwachsener, die bis dahin völlig unproblematisch in ihren Familien und Dörfern in den Kreisen Schleiden, Monschau und Euskirchen gelebt hatten oder im Zülpicher Kloster Hoven gepflegt wurden.

„Gnadentod“ den „Lebensunwerten“

Ihr Leben wurde von Hitler und seinen Medizinern für „lebensunwert“ erklärt. Ihre psychischen Erkrankungen reichten dem Terrorregime als Legitimation, ihnen „den Gnadentod zu gewähren“, wie das zynisch hieß.

Die 480 Opfer, davon 368 an einem einzigen Tag, dem 18. August 1942, wurden in der „Landesheilanstalt“ Hadamar bei Limburg in der Gaskammer ermordet und in Krematorien verbrannt. Ihre Angehörigen bekamen Urnen und Beileidsbriefe mit erlogenen Todesursachen.

Walter Malmes (67), hier mit einem Modellfoto der Ordensburg, erzählte den jungen Christen aus Mechernich sehr viel aus seinem Leben und dem seiner Familie und forderte die Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf, in ihren eigenen Familien das Gespräch über die familiäre Vergangenheit zu suchen: „Geschichte ist immer biographisch“, so Malmes: „Meine Geschichte ist eine andere als Eure.“ Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Walter Malmes (67) erzählte sehr viel aus seinem Leben und dem seines jüdischen Freundes Helmut Claßen, den eine große Zahl von Menschen im Dreiländereck während des Zweiten Weltkriegs als Kind versteckt hatten und ihm das Leben retteten.

Malmes: „Das waren nicht alles politisch überzeugte Widerstandskämpfer, sondern einfache Leute, die sich gesagt haben: Wie kann ein Kind mein Feind sein? Jetzt ist aber Schluss. Wenn kleine unschuldige Kinder umgebracht werden sollen, dann machen wir nicht mehr mit.“ Um einen Juden zu verstecken, brauchte man 20 Mitwisser, so der Aachener: „Die Verstecke mussten oft gewechselt und die Versteckten versorgt werden.“

Unterm Dach vor dem Turm, dessen „Ehrenhalle“ eine vier Meter hohe „Herrenmenschen“-Skulptur enthielt, erfuhren die Mechernicher, dass Sophie Scholl („Die weiße Rose“) die Nazijunker „gottlos, schamlos, gewissenlos“ genannte hatte. Manche in den Nazi-Ordensburgen wie Vogelsang geschulten „Jung-Herren“ haben im Osten 25.000 Menschen umgebracht. Rücksichtslosigkeit galt als Tugend, Nächstenliebe als Schwäche. Adolf Hitler und Konsorten schufen im vermeintlich christlichen Abendland verkehrte Welten. Elemente ihrer kruden Vorstellungen haben sich bis heute gehalten. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Alle Männer seien Josef und alle Frauen Maria genannt worden, damit die Versteckten bei Entdeckung ihre früheren Helfer nicht einmal unter Gewaltanwendung hätten verraten können, weil sie die richtigen Namen gar nicht kannten, so Walter Malmes.

„Kirche soll Euch guttun“

Am Schluss des Firmlings-Vorbereitungstages auf Vogelsang zeigte Pastoralreferent Georg Toporowsky („Kirche soll Euch guttun!“) den Kurzfilm „Butterfly Circus“, in dem den Akteuren aus zerrissenen Lebensverhältnissen neue Perspektiven, Freude und Lebensmut zuwachsen. Star ist der Australier Nick Vujicic, der ohne Arme und Beine auf die Welt kam.

Im Film wird er in einem Jahrmarkt-Panoptikum des frühen 20. Jahrhunderts zur Schau („Freakshow“) gestellt. Dann kommt er zum „Butterfly Circus“, lernt laufen, schwimmen und wird schließlich ein gefeierter Artist. Auslöser ist die Ermutigung des Zirkusdirektors, der dem Arm- und Beinlosen versichert: „Du bist wunderbar.“ Hinter diesem Zirkusdirektor kann man Gott vermuten . . .

pp/Agentur ProfiPress

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