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Der Vater, ein Scheinriese?

Lit.Eifel: David Wagner las im Gymnasium am Turmhof aus seinem Roman „Der vergessliche Riese“ über den Rollentausch von Sohn und dessen demenzkrankem Vater

David Wagner beschreibt in „Der vergessliche Riese“ den Rollentausch zwischen Sohn und demenzkrankem Vater. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

Mechernich – Wohin fahren wir, Freund? Das ist eine der wiederkehrenden Fragen im Auftaktkapitel von David Wagners Roman „Der vergessliche Riese“. Gestellt vom Vater an den Sohn. Mit dem Kurzzeitgedächtnis verschwindet gleichzeitig auch der alte Mann. „Ich vergesse leider alles“, sagt der alte Herr, obwohl sein Sohn das natürlich längst weiß. So kann er sich nicht mehr erinnern, dass er gerade von der Beerdigung seiner zweiten Ehefrau kommt. Und dass er von Hamburg nach Bonn unterwegs ist entfällt ihm auch ständig. Sein Sohn muss ihn daran erinnern. Wieder. Und wieder. Und wieder. „Du kennst dich in meinem Leben also besser aus als ich“, erkennt der Vater.

Rund 30 Zuschauer waren unter Corona-Bedingungen zur Lit.Eifel-Veranstaltung ins Gymnasium Am Turmhof in Mechernich gekommen. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

Wohin fahren wir, Freund? Im übertragenen Sinne war das auch die Frage, die sich die Lit.Eifel im Frühjahr gestellt hatte. Corona-bedingt waren zunächst alle Planungen auf Eis gelegt worden. Dabei stand David Wagner als Autor schon sehr früh fest. Nach Simmerath sollte er. Doch weil die Lit.Eifel zur Einhaltung der Corona-Schutzverordnung auf große Räume setzte, wurde das Gymnasium Am Turmhof in Mechernich auserkoren. Wagner, dem wegen der Pandemie 14 Lesungen gestrichen wurden, war dennoch begeistert. „Ich habe schon vor längerer Zeit mein Interesse an der Architektur der späten 70er-Jahre entdeckt. Und ich habe noch nie vor einem Diorama mit einem ausgestopften Fuchs gelesen“, berichtete er den rund 30 Zuschauern im Foyer des Gymnasiums, darunter auch Micha Kreitz, Schulleiter am GAT, der Wagner zu Beginn willkommen geheißen hatte.

Die Radio-Moderatorin Katia Franke, mit dem „Club der toten Eifeldichter“ selbst Teil der Lit.Eifel, moderierte die Veranstaltung nicht nur, mit David Wagner ergaben sich auch interessante Zwiegespräche. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

Wohin fahren wir, Freund? Für David Wagner war die Lesung in Mechernich auch eine Reise zurück in die Vergangenheit. Aufgewachsen in Andernach erinnerte sich der Berliner an einen Schulausflug 1982/83 ins Freilichtmuseum in Kommern, auch den Rursee kennt er. Die Eifel ist außerdem Schauplatz in „Der vergessliche Riese“. Im zentralen fünften Kapitel des Buches fährt der Protagonist mit dem Vater zum Schwimmen an den Laacher See. Ein Ablenkungsmanöver, denn währenddessen räumen die Geschwister das Haus des Vaters in Meckenheim aus und verfrachten einen Großteil des Mobiliars in ein Pflegeheim in Bonn-Mehlem, wo der Vater fortan lebt.

Nach der Lesung signierte David Wagner erworbene Bücher beantwortete dabei auch Fragen des Publikums. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

Westdeutsche Symbolfigur

Wohin fahren wir, Freund? Für den Protagonisten geht es zurück in die eigene Jugend. Denn auch wenn das Langzeitgedächtnis dem Vater ab und zu einen Strich durch die Rechnung macht, erinnert er sich an Vergangenes noch recht gut. An den Wohnwagen mit der englischen Form, den die Familie am Laacher See aufgestellt hatte, dort wo die Zeit stillsteht und es immer noch Toast Hawaii gibt. An den befreundeten Betonmogul aus Kruft, der Deutschland befestigt hat. An die schönen Füße der zweiten Ehefrau. Für David Wagner ist der geistige Niedergang seines Vaters aber auch ein Sinnbild, eine Symbolfigur für das Ende der Bundesrepublik Deutschland, wie sie früher einmal war. Der Vater, spätes Kriegskind, Student in den 60ern, einer, der sich seinen Wohlstand erarbeitet hat, erzählt, dass seine erste Frau Terroristen in einem Haus am Pulvermaar versteckt hielt. Aber so, wie die alte BRD nach und nach verschwindet, verschwindet auch der Vater. Der war für den Erzähler einst der titelgebende Riese, auf dem man als Kind rumklettern konnte. „Später schrumpfen die Eltern. Vielleicht sind sie doch nur Scheinriesen“, überlegt Wagner.

Micha Kreitz, Schulleiter des Gymnasiums Am Turmhof und auch Programmbeiratsmitglied der Lit.Eifel, begrüßte die Gäste in „seiner“ Schule. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

Wohin fahren wir, Freund? Heutzutage muss man nur noch das Ziel wissen. Den Rest erledigt das Smartphone. Google Maps weiß die Route. Telefonnummern hat man nicht mehr im Kopf, sondern im Handy. Erinnerungen an Ereignisse werden nicht mehr vom Hirn memoriert, sondern auf der SD-Karte des iPhones – wo sie vermutlich niemals mehr abgerufen werden. Wir leben in einem Zeitalter des Vergessens, mit Demenz als Volkskrankheit. Das wird offensichtlich. Warum sollte man sich auch etwas merken, wenn Wikipedia alles weiß? Menschen heute müssen nur noch eines wissen: Wo etwas zu finden ist. Das Smartphone ersetzt das Denken, beschleunigt aber auch gleichzeitig das Leben. Das wird auch beim Freizeitverhalten von Vater und Sohn deutlich. Letzterer erkennt: „Er greift nach der Zeitung mit den Nachrichten von gestern, während ich auf dem Handy die Nachrichten von heute lese.“

Kein Mann der großen Geste, sondern der feinen Worte: David Wagner las im Rahmen der Lit.Eifel in Mechernich. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

Wohin fahren wir, Freund? Das ist auch eine zentrale Frage im Schaffen des Autors David Wagner. Auf seinem Herd köcheln immer drei oder vier Ideen. Nie habe er sich vorstellen können, ein Buch über Demenz zu schreiben. Vor sechs oder sieben Jahre hatte er dann die Idee, 2016 fing er mit dem Schreiben an, 2019 erschien das Buch. Er schreibe über Dinge, die er selbst erlebt hatte, offenbarte er im Gespräch mit Moderatorin Katia Franke, die durch den Abend führte. So hat der Roman „Leben“ einen anderthalbjährigen Krankenhausaufenthalt inklusive einer Organtransplantation zum Inhalt. „Ich suche Erklärungen und möchte beschreiben, was ich selbst verstehen will.“ In „Der vergessliche Riese“ ist ihm das gelungen. Beim Schreiben hat er bemerkt, dass er den eigenen Vater zurückbekommt – und das West-Deutschland mit Bonn und Umgebung, wie er es kannte.

pp/Agentur ProfiPress

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