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Dekan von Tokio kam aus der Eifel

Gelehrtenehepaar Manfred und Ingrid Baldus übersetzte die Memoiren des aus Mechernich stammenden Jesuitenpaters und Universitätsprofessors Joseph Roggendorf – Pressekonferenz zur Buchvorstellung im Mechernicher Rathaus mit Bürgermeister Dr. Hans-Peter Schick und den Zeitzeugen Christel Stoffels, Richard Orth, Georg Simons und Alfred Schink

Nach der Pressekonferenz zur Buchvorstellung im Mechernicher Ratssaal (von links) Christel Stoffels, Alfred Schink, Richard Orth, Georg Simons, Professor Manfred Baldus, Dr. Hans-Peter Schick und Ingrid Baldus. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Mechernich – Ein bemerkenswertes Buch nicht über, sondern eines bemerkenswerten Mechernichers hat das Gelehrtenehepaar Prof. Dr. Manfred und Ingrid Baldus jetzt geschrieben, das heißt übersetzt. Es handelt sich im weitesten Sinne um die bislang in Japanisch und Englisch erschienenen „Memoiren“ von Jesuiten-Pater Professor Dr. Dr. Joseph Roggendorf, Jahrgang 1908, der ein bedeutender Literatur- und Kulturwissenschaftler war, Shakespeare-Forscher und Dekan der Sophia-Universität Tokio, die 2013 einhundert Jahre alt wird.

Roggendorf entstammt einer angesehenen Mechernicher Familie. Von den acht Kindern des Ehepaares Hubert Roggendorf und Anna Krischer wurden vier Ordensleute und gingen in die Mission, insgesamt sechs arbeiteten zumindest für mehrere Jahre ebenfalls im Sichtbarmachen christlicher Nächstenliebe in Brasilien, Japan, Indien und Pakistan.

Ingrid und Manfred Baldus stellten ihr Buch „Joseph Roggendorf,  Brückenbauer zwischen den Kulturen – Lebenserinnerungen aus Europa und Japan 1908-1982“

(Köln 2013. 126 S., 4 Abb. ISBN 978-3-939160-36-6, erschienen in der Reihe Libelli Rhenani der Diözesan- und Dombibliothek Köln, Bd. 47) heute gemeinsam mit Mechernichs Bürgermeister Dr. Hans-Peter Schick sowie den Zeitzeugen Christel Stoffels, Richard Orth, Georg Simons und Alfred Schink in einer Pressekonferenz im Mechernicher Rathaus vor. Professor Dr. Heinz Finger, der Herausgeber der Reihe, ließ von einer Vortragsreihe in England aus ausdrücklich grüßen und wies auf die Patenschaft der Diözesen Köln und Tokio hin, die im kommenden Jahr 60jähriges Jubiläum feiert.

In der Pressekonferenz sagte Professor Baldus, dass Joseph Roggendorf, der das Buch ursprünglich für seine japanischen Studenten geschrieben hatte (es erschien dann erst 2004 auch in Englisch), auch seine Kindheit und Jugend am Mechernicher Bleiberg während der Weimarer Republik ausführlich schildert. Auch die Turbulenzen während der Nazizeit, dem Zweiten Weltkrieg und der Nachkriegszeit werden thematisiert.

Zeitzeugnis vom Bleiberg  in verständlicher Sprache

Baldus: „Das tut Joseph Roggendorf in einer sehr klaren, ja einfachen Sprache.“ Das Werk sei weder theologisch kompliziert, noch wissenschaftlich abgehoben, sondern für jeden Leser gut verständlich. Damit liefere der Jesuit und Literaturwissenschaftler heute im Nachhinein ein unnachahmliches Zeitzeugnis aus Mechernich.

Es komme zum Ausdruck, wie die Wurzeln im liberalen, aber religiös gefestigten Mechernicher Elternhaus das weltbürgerliche Selbstbewusstsein des späteren Jesuitenpaters und Professors bestimmten. Eine seiner Schwestern, Dr. Margarete Brown, die auch lange in Indien wirkte und mit Oscar Henry Brown, dem obersten Kolonialrichter in Indien, verheiratet war, sagte einmal in einem Interview, das Elternhaus sei „katholisch-konservativ, aber keineswegs frömmlerisch“ gewesen.

Gleichwohl sei es „traumatisch“ für die vier jüngeren Geschwister gewesen, als die vier älteren Geschwister, eins nach dem anderen, in Orden eintraten und Missionare wurden. Der jüngste Bruder, Hubert (Jahrgang 1919), der später Arzt wurde und selbst neun Jahre in Indien wirkte, schloss seine Schwestern Agnes und Maria in ihren Zimmern ein, als er hörte, dass auch sie ins Kloster wollten.

Denn nicht nur Joseph Roggendorf (1908 – 1982), dessen Memoiren heute in Deutsch vorgestellt wurden, ging schon mit 18 zu den Jesuiten. Gertrud Roggendorf (1909-1973), die als Schwester Anna-Huberta segensreich in Indien wirkte, war ebenfalls erst 18, als sie in Aspel Novizin im deutschen Provinzialhaus der Lütticher Kongregation „Filiae Crucis“ wurde.

Zu den Töchtern vom Heiligen Kreuz gingen auch Agnes Roggendorf, Jahrgang 1910, die seit 1939 als Anna-Xaveria in Indien und später in Lahore (Pakistan) wirkte, sowie Maria Roggendorf, Jahrgang 1914, die seit Ende der 40er Jahre und bis vor wenigen Jahren als Schwester Anna-Maria in Brasilien missionierte. Sie lebt heute fast hundertjährig in einer Niederlassung ihres Ordens am Niederrhein.

Bürgermeister Dr. Hans-Peter Schick würdigte in der Pressekonferenz nicht nur das Lebenswerk Joseph Roggendorfs und seiner Geschwister, sondern auch die Eheleute Baldus, die sich der englischsprachigen Originalmanuskripte angenommen und Roggendorfs Lebenserinnerungen dem Vergessen entrissen hätten.

„Dass damals Sprösslinge rheinischer Familien katholische Priester wurden, war ja nichts Ungewöhnliches“, konstatierte Schick. Aus der acht Kinder zählenden Familie seiner Mutter seien zu der Zeit auch zwei Geistliche hervorgegangen. Aber die Zielstrebigkeit, mit der Joseph Roggendorf und seine Geschwister nicht nur ins tätige Werk christlicher Nächstenliebe, sondern auch in ferne Länder strebten, sei  damals außergewöhnlich gewesen.

Statt ins Internierungslager aufs Schiff Richtung Fernost

Joseph Roggendorf habe sich dabei in schwieriger Zeit mit Japan ausgerechnet für ein Land entschieden, dessen Kultur der Europäischen eher fremd sei – und umgekehrt. Der Mechernicher, der unter anderem in den Niederlanden, Frankreich und England studiert hatte und sehr sprachbegabt war, wurde noch 1940 von den Briten nicht ins Internierungslager gesteckt, wo er als Deutscher hingemusst hätte, sondern auf die Haruna Maru, das letzte in englischen Gewässern kreuzende japanische Schiff, gesetzt, mit dem er in den fernen Osten ausreisen durfte.

In Japan lebte Roggendorf, der dem Nationalsozialismus völlig ablehnend und verständnislos gegenüberstand, ausgerechnet in einem Reich von Hitlers Verbündeten, so Schick. Und nach dem Krieg sei es wieder Pater Roggendorfs Ding gewesen, auf Vortragsreisen in die Länder früherer Kriegsgegner zu gehen und auch in Japan selbst ausgleichend im Zusammenspiel mit den amerikanischen Besatzern zu wirken.

„Die Umstände hätten kaum schwieriger sein können, um der Erfüllung eines »Traumes« näherzukommen“, sagte Professor Manfred Baldus, „nämlich dem Brückenschlag zwischen abendländisch-christlicher und fernöstlicher Kultur“. In der Eifler Heimat vermutete Roggendorf selbst die Wurzeln für seinen späteren kulturwissenschaftlichen Denk- und Arbeitsstil, so Baldus. „Als ich vor einiger Zeit (an der Alten Kirche) verweilte, auf meinen Heimatort hinunterschaute und dann weiter nach Osten in die Kölner Bucht, fühlte ich, dass genau hier mein Interesse am Austausch der Kulturen erwacht ist“, schreibt Pater Roggendorf.

Die Kirche in ihrem frühromanischen Stil gehe auf das 10. Jahrhundert zurück. „Es ist also die Zeit des Ise Monogatari  (eines frühen Werks der japanischen Lyrik und Prosa), schreibt Joseph, „über das ich meine Dissertation an der Londoner Universität geschrieben habe“. Manfred Baldus: „Die Heimat steht für Joseph Roggendorf als Grenz- und Durchzugsland zwischen römischer und germanischer, frankophoner und deutscher Kultur.“

Seine Gymnasialjahre (bis 1926), in denen schon eine besondere Sprachbegabung hervortrat, fielen in die Zeit der wirtschaftlichen Depression und beginnenden politischen Radikalisierung, waren aber im heimatlichen Umfeld „durchdrungen vom Gefühl der Heiterkeit und Zuversicht“, wozu – wie für viele junge Katholiken seiner Generation – die Begegnung mit dem „Quickborn“ und dem Theologen Romano Guardini einen wesentlichen Beitrag leistete.

Baldus: „Die Verknüpfung des Priestertums mit einem wissenschaftlichen Auftrag, der eher am Rande von Theologie und Philosophie anzusiedeln ist, rechnete er ebenfalls seiner Umgebung zu, die »harmonisch das Heilige mit dem Säkularen, das Ernste mit dem Heiteren, Idealismus mit Sachlichkeit«  verband.“

Sein Ziel war der Austausch einander ferner Kulturen

Professor Manfred und seine Frau Ingrid Baldus berichteten von einem von Joseph Roggendorfs Valkenburger Professoren, der später selbst an der Sophia-Universität wirkte, und der dem Novizen den Rat gab: „Wenn Sie in Japan arbeiten wollen, machen Sie sich die Überzeugung zu Eigen, dass Sie von den Japanern ebenso viel lernen können, wie diese von Ihnen“.

Dieses Prinzip des Dialogs habe der Mechernicher Jesuit übernommen. Es ziehe sich wie ein roter Faden durch die praktische Arbeit in Tokio und wirke missionarisch, denn „Literatur rührt an Werte, die auch den religiösen Glauben betreffen“, so Pater Roggendorf.

Was aber hat Joseph Roggendorf selbst von den Japanern gelernt? Im Nachwort seiner von Ingrid und Manfred Baldus übersetzten „Lebenserinnerungen“ heißt es: „Die Neigung, Gefühle zu schonen, Zusammenstöße zu vermeiden und Kompromisse zu schließen, ist nicht nur ein Phänomen gesellschaftlichen Verhaltens, sie ist auch Ausdruck einer Weltsicht, für die ich im Laufe der Jahre Sympathien entwickelt habe. Charakteristisch ist die Toleranz gegenüber anderen Standpunkten und die Weigerung, beim Argumentieren die Harmonie aufs Spiel zu setzen, da wahrscheinlich viele Probleme, wie ein untergründiges Empfinden lehrt,  nicht vollständig lösbar sind.“

Dies, so Manfred Baldus heute im Mechernicher Ratssaal, möge sich auch mit jener Einschätzung treffen, die der US-Amerikaner Edward Seidensticker (1921-2007), ein bekannter  Übersetzer japanischer Literatur, über den Jesuitenpater aus der Eifel abgegeben habe: „Ich weiß nicht, wo man ihn im politischen Spektrum der Jesuiten unterbringen könnte, aber ich würde ihn als liberal im ursprünglichen Sinne beschreiben, der Toleranz und breitangelegter Aufgeschlossenheit zugetan. Es gab zwischen uns nie etwas, was man auch nur entfernt als hitzige politische Debatte bezeichnen könnte. Bisweilen stand ich links und manchmal rechts von ihm. Aber nicht er war es, der seinen Standort veränderte, sondern ich. Ich schwankte, er blieb standfest.“

 pp/Agentur ProfiPress

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