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Allerheiligen wurde „gebrabbelt“

Kallmuther Junggesellen hielten uraltes Brauchtum trotz Pandemie aufrecht – 667,10 Euro für die Hilfsgruppe Eifel

Mechernich-Kallmuth – Trotz Corona wurde in Kallmuth „gebrabbelt“. Und zwar mit Mundschutz und Sicherheitsabstand. Marco Sistig, Simon Seidenfaden, Martin Stoffels, Kai Steffens und Raphael Drove haben das uralte mystisch anmutende Brauchtum damit auch in Krisenzeiten hochgehalten.

Seit nicht genau überlieferter Zeit ziehen die unverheirateten Männer des Dorfes an Allerheiligen oder Allerseelen von Haus zu Haus und entbieten Gruß und Segen auf althergebrachte und mitunter nicht ganz verständliche Art, daher auch „Brabbeln“.

Der in Kallmuth seinerzeit als Volksschullehrer tätige Regionalhistoriker Karl Guthausen hat 1976 folgende Verse als authentisch überliefert: „Gott, grüß Euch in allen Ehren, die Ihr da drinnen seid/ Gott tröst die armen Seelen, die im Fegfeuer sind“, so beginnt das Brabbeln.

Von Ortsvorsteher Robert Ohlerth beim „Allersiele-Brabbeln“ abgelichtet: Die Junggesellen (v.r.) Marco Sistig, Kai Steffens, Raphael Drove, Simon Seidenfaden und Martin Stoffels. Foto: Privat/pp/Agentur ProfiPress

Doch dann geht es auf Platt unvermittelt weiter: „De Kä-ez steht op de Bröck/ unn lööch böss en de Baach/ Mir john en Ühre Jaade/ unn zertrödde Ühre Flaas“ (Auf der Brücke steht die Kerze und leuchtet bis ins Wasser des Bachs, wir gehen in Euern Garten und zertrampeln Euern Flachs).

„Wer de Flaas noch plöcke well, der moss jet fröh opstohn“ (Wer Flachs pflücken will, muss früh aufstehen), „wer et Mädche freie well, der darf net schloofe john“ (Wer das Mädchen freien will, darf nicht schlafen). Dem Sinn nach uneindeutig und auch ohne Versschema ist die vierte, vier- statt fünfzeilige und vorletzte Strophe: „Jong Fräuche wohr von Ehren/ unn leet de Mahd stohn/ Seij joov oss sebbe Eier/ unn leet oss wedder john/ Mir hann noch fähr ze john“.

Geheimnisvolle Verse

Die letzte Strophe ist wieder auf Hochdeutsch und erinnert an Ablasshandel: „Die Gabe, die Ihr uns gebet/ die geht Euch selber an/ Der Weg zum ew‘gen Leben,/ da ist kein Zweifel dran.“ Danach sagen die Junggesellen heutzutage noch „Jooden Ovend!“ Nach dem Aufsagen der uneindeutigen und deshalb geheimnisvollen Verse baten die Kallmuther Junggesellen auch dieses Jahr um eine milde Gabe.

Wie Marco Sistig berichtet, folgt dann noch der letzte, der Dankes-Vers: „Wir danken für die Gaben, die Ihr uns habt getan, sie soll’n für Eure Seelen bei Gott jeschriwwe stohn.“ Ablass auf Eifelerisch: Die guten Gaben, die man den Junggesellen für den guten Zweck mitgibt, sollen in Gottes Anschreibebuch als „Haben“ verbucht sein…

Ein Schwarzweiß-Foto aus dem Fundus des Landschaftsverbandes Rheinland: „Brabbeler“ besuchen Pfarrer Günter Salentin am Pfarrhaus. Foto: LVR-Archiv/pp/Agentur ProfiPress

In alten Zeiten sind von dem Geld, das beim Allerseelen-Brabbeln eingenommen wurde, Kerzen für die armen Seelen gekauft und das Jahr über in der Kirche abgebrannt worden. Seit einigen Jahren stiften die Junggesellen ihre Einnahmen der Hilfsgruppe Eifel für tumor- und leukämiekranke Kinder. Dabei kamen schon Summen um die tausend Euro zusammen, dieses Mal kamen 667,10 Euro zusammen, die die Kallmuther Junggesellen aber aus eigener Tasche aufrunden wollen.

Messen für Gefallene

„Zusätzlich lassen wir Heilige Messen für die Gefallenen und Vermissten aus Kallmuth lesen“, erzählt Marco Sistig. Der Sakristan der Gemeinschaft der Gemeinden Sankt Barbara berichtet noch von einem angenehmen Nebeneffekt der traditionellen Sammelaktion an Allerheiligen: „In dem einen oder anderen Haus bekommen wir außerdem einen Schluck zu trinken.“

Farbaufnahme Karl Guthausens vom Allerseelensingen in Kallmuth. In die Zigarrenkiste werden die Spenden gegeben/geworfen. Foto: LVR-Archiv/pp/Agentur ProfiPress

Dieser gesellige Teil gehört seit alters her auch dazu, so dass die „Brabbeler“ am Sonntag nach ihrer vierstündigen Runde durchs Dorf rechtschaffen müde waren.

Dr. Alois Döring vom Amt für rheinische Landeskunde hat bei seinen Recherchen über Bräuche im Rheinland zehn Dörfer ausgemacht, in denen das Allerseelensingen praktiziert wird. Es sind Lorbach, Bergheim, Vussem, Schaven, Firmenich, Obergartzem, Arloff, Kirspenich, Enzen und Kallmuth. Auch in Bergbuir ist ein ähnlicher Brauch bekannt.

pp/Agentur ProfiPress

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