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2000 Jahre Bergbaugeschichte enden 1957

Bis zu 4500 Menschen arbeiteten in Mechernich „auf Spandau“ über und unter Tage

Von Manfred Lang

Mechernich – Silvester 1957 war wirtschaftlich der schwärzeste Tag in der Geschichte der Eifel: Auf „Spandau“, wie das Mechernicher Bleibergwerk im Volksmund genannt wird, fuhren die Knappen zur letzten Schicht ein. Eine mehr als zweitausendjährige Bergbaugeschichte in der Eifel fand ihr Ende. Der Weltmarktpreis für Blei verfiel, außerdem hatte die Bundesrepublik militärische Pläne mit dem Bergwerksgelände.

Ohnmächtige Wut herrschte bei den noch knapp tausend Beschäftigten und ihren Familien, aber auch bei den Offiziellen der damaligen Kreise Euskirchen und Schleiden. Denn das Ende des bedeutendsten Wirtschaftsbetriebes und wichtigsten Arbeitgebers in der Region kam für die meisten völlig überraschend.

Mechernich war Anfang 1957 mit 1200 Beschäftigten und einer Tageskapazität von rund 6000 Tonnen Roherz eine der größten Bleiminen überhaupt. Weltweit. Außerdem waren die Mechernicher Anlagen nach dem Krieg mit einem beispiellosen Aufwand von damals 27,5 Millionen Mark auf den modernsten Stand gebracht worden.

Die Belegschaft der Mechernicher Bergwerkseisenbahn trug Uniform. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde noch auf moderne Diesellokomotiven umgerüstet, dann schloss die Preussag die Mechernicher Gruben völlig überraschend zum Jahresende 1957.  Foto: Stadtarchiv Mechernich

Die Belegschaft der Mechernicher Bergwerkseisenbahn trug Uniform. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde noch auf moderne Diesellokomotiven umgerüstet, dann schloss die Preussag die Mechernicher Gruben völlig überraschend zum Jahresende 1957. Foto: Stadtarchiv Mechernich

Die Betreiberfirma war die „Gewerkschaft Mechernicher Werke“ (GMW), zu 99,7 Prozent der Aktiengesellschaft Preussag zugehörig. Das GMW-Bergwerk war 1955, am Ende der Wiederaufbau- und Modernisierungsphase, das in Europa führende Technologie-Zentrum für den Bleiabbau und die Bleiverhüttung.

Der Grund: Die in Mechernich vorkommenden Erze mit einem Bleianteil von unter 1,2 Prozent erforderten spezielle Verfahren der Aufbereitung. Die Ingenieure am Bleiberg mussten sich eine Menge einfallen lassen, um die „armen Erze“ auszubeuten. Zahlreiche weltweit anerkannte Patente entstanden auf Spandau.

Aus einer Besucherliste für 1954 geht hervor, dass unter anderem Abordnungen der Technischen Hochschule Berlin, der Bergbauschule und Geologischen Gesellschaft Essen, der Uni Würzburg und der Bergakademie Freiberg sich im Mechernicher Werk Rat holten, ebenso die argentinische Atomkommission, die belgische Universität Gent, ein Expertenstab aus Belgisch-Kongo, die Bergakademie Dhanbad (Indien) sowie Kommissionen aus Schweden und Indonesien.

Das Königspochwerk und andere Einrichtungen der Mechernicher Erzverarbeitung.  Auf dem Höhepunkt um 1882 wurden knapp unter 40.000 Tonnen Glasurerze von einer Belegschaft von 4500 Mann erbeutet und verhüttet. Foto: Stadtarchiv Mechernich

Das Königspochwerk und andere Einrichtungen der Mechernicher Erzverarbeitung. Auf dem Höhepunkt um 1882 wurden knapp unter 40.000 Tonnen Glasurerze von einer Belegschaft von 4500 Mann erbeutet und verhüttet. Foto: Stadtarchiv Mechernich

Blei, lateinisch Plumbum, Zeichen Pb., Ordnungszahl 82, Atomgewicht 207,2. Blei verwendete man für Bleche, Wasserleitungs- und Abflussrohre, für Akkumulatorenplatten, zur Umkleidung von Kabeln, in der chemischen Industrie, für Bleikammern, Pfannen, verbleite Gefäße, Batterien, zur Fabrikation von Schrot und Kugeln sowie für die meisten Gewehr- und Pistolengeschosse.

In der Blütezeit am Bleiberg waren dort bis zu 4500 Menschen (1882) gleichzeitig mit dem Abbau der Erze, deren Aufbereitung und Verhüttung beschäftigt; zu Arbeitsbedingungen, die denen der Preußischen Strafanstalt nahe Berlin geähnelt haben müssen, denn aus dieser Zeit stammt der im Volksmund bis heute gebräuchliche Name „Auf Spandau“.

Das Mechernicher Bleierzvorkommen liegt in der Trias (geologische Formation des Erdmittelalters). Im Osten der Lagerstätte ist nur ein etwa 30 Meter mächtiger Sandsteinkörper vorhanden, der von Konglomeraten, das sind aus Bruchstücken zusammengekittete Gesteine, unter- und überlagert wird. Das Erz tritt in Form so genannter Knotten auf, dabei handelt es sich um bis zu fünf Millimeter große, rundliche Konkretionen aus Sand und Bleimineralien.

Die Bergarbeit ist noch heute neben der Forstwirtschaft der gefährlichste Beruf, den die Berufsgenossenschaften in der Bundesrepublik Deutschland verzeichnen. Eine Expertenrunde um Anton Könen hat viele Todesfälle am Mechernicher Bleiberg rekonstruiert. Ihre Statistik weist allein 1853 bis 1866 „86 Verunglückungen mit tödlichem Ausgang“ aus.

Dr. F. Imle, eine sozialwissenschaftlich gebildete Publizistin, die Ende des 19. Jahrhunderts die Arbeitsbedingungen am Mechernicher Bleiberg untersuchte und in einem Buch festhielt, schrieb: „Die Bergarbeit ist überall gesundheitsgefährdend, besonders diejenige im unterirdischen Betrieb. Die Arbeiter klagen kaum über etwas so viel, wie über die Wetterzustände ihrer Gruben.“

Die Mechernicher Bergleute waren in vielen Fällen nicht nur Arbeiter, sondern auch Kleinbauern. Sie kamen aus den Dörfern rings um den Mechernicher Bleiberg, aber auch aus weiter entfernt liegenden Teilen der heutigen Kreise Euskirchen, Schleiden, Ahrweiler, Rhein-Erft-Kreis, Kreis Düren, Kreis Aachen, Rhein-Sieg-Kreis, Vulkaneifel-Kreis und Eifelkreis Bitburg-Prüm.

Auf dem Höhepunkt wurden knapp unter 40 000 Tonnen Glasurerze von einer Belegschaft von 4500 Mann erbeutet. Man kann sich heute kaum vorstellen, welche riesigen Industrieanlagen den Mechernicher Bleiberg überzogen. Dort stand bis 1937 das Königspochwerk, Europas größte Erzzerkleinerungsanlage, es gab riesige Klär- und Absetzteiche sowie Seen und Staubecken für die Frischwasserzufuhr, zwei Aufbereitungen, Verhüttungsbetriebe, eine Werkseisenbahn und eine Materialseilbahn.

1869 wurde die erste Erzschmelze, die „Magdalenenhütte“, in Betrieb genommen. Ihr Schornstein, der 134,60 m hohe „Lange Emil“, wurde zum Wahrzeichen des aufstrebenden Dorfes Mechernich. Seit 1859 gab es zahlreiche „Nebenbetriebe“. Besonders die Mechernicher Waggonfabrik mit bis zu 400 Beschäftigten warf zum Teil stattliche Gewinne ab. Von 1909 bis 1925 wurden dort 5301 Staatsbahn-Güterwagen gebaut und 1346 wieder hergestellt.

pp/Agentur ProfiPress

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